Für mehr Autorinnenzeit – ein Interview mit Sven Hensel auf der #fbm17

Im Mai dieses Jahres startete der Autor Sven Hensel die Autorinnenzeit. Sein Ziel war es, Schriftstellerinnen bewusst einen Monat lang in den Fokus zu rücken und ihnen die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die sie verdienen. Ich traf Sven auf der Frankfurter Buchmesse. Erstmals spricht er in einem Interview über seine Aktion, die Ungleichbehandlung der Geschlechter in der Buchbranche und darüber, wie es im kommenden Jahr mit der Autorinnenzeit weitergeht.

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Edda: Hast du eine Lieblingsautorin?
Sven: Da würde ich die amerikanische Theater-Autorin Lorraine Hansberry nennen, weil sie es als eine der ersten Autorinnen geschafft hat, ihre Stücke auch auf die Bühne zu bringen – als schwarze Autorin. Sie stellte die Problematik der Schwarzen mit einer solchen Kraft dar, dass ihre Botschaft bis heute noch an den Schulen nachhallt. An der Situation der Schwarzen hat sich leider nicht viel geändert, was Hansberrys Stücke noch so aktuell macht.

Die Aufmerksamkeit auf beide Geschlechter verteilen

Edda: Wir sprechen ja heute über die #Autorinnenzeit. Vielleicht magst du mit wenigen Sätzen umreißen, was es mit diesem Hashtag auf sich hat, der vor einiger Zeit von vielen Twitterern genutzt wurde.
Sven: Lustigerweise hat sich der Hashtag auch auf Facebook verbreitet, obwohl alle sagen, dass Hashtags auf Facebook nicht funktionieren. Bei der Autorinnenzeit geht es darum, Frauen die Bühne zu bieten, die sie verdient haben. Wir leben in einer Zeit, in der das Geschlecht darüber entscheidet, ob und wie literarische Leistungen wertgeschätzt werden, und da muss es unser Anspruch sein, Gleichberechtigung herzustellen. Das hat man auch in der Autorinnenzeit selbst gemerkt: Männer sind etwas kratzbürstig, wenn es darum geht, den Platz, den sie haben, zu teilen. Sie denken, sie hätten ihn verdient, sie hätten es verdient, zwölf Monate im Jahr die volle Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch das ist ein Umstand, den sie sich nicht erarbeitet haben. Sie haben sich den Raum einfach genommen, und das vor vielen Jahren. Seitdem hat sich am System zu wenig geändert. Fairer wäre es, die Aufmerksamkeit auf beide Geschlechter zu verteilen. Die Autorinnenzeit soll dabei helfen, dass dieser Zustand hergestellt wird.

Edda: Es ging dabei um Autorinnen, wie der Hashtag sagt. Du hast, wenn ich mich richtig erinnere, in deinem Blogpost Anregungen gegeben. Nach dem Motto: Macht Autorinnen sichtbar, nennt ihre Bücher, die ihr gerade lest, interviewt sie, bloggt über sie, rezensiert die Bücher.
Sven: Ganz genau. Für mich war es wichtig, die Aktion für alle zu öffnen. Ich wollte nicht, dass ein Mann diktiert, wie Frauen zelebriert werden sollen. Wenn jemand etwas komplett anderes machen wollte, fand ich das vollkommen in Ordnung. Ich habe nur versucht, einige Hinweise zu geben, denen man folgen konnte oder eben nicht. Es sind viele unterschiedliche Beiträge dabei herausgekommen, zum Beispiel Blogprojekte. Manche Leute haben sich verabredet, um mit Autorinnen tanzen zu gehen. Es sind auch Kooperationen mit Autorinnen entstanden. Das war schon eine Menge, aber dennoch nur ein kleiner Schritt.

Autorinnenzeit: Nicht nur reden, machen!

Edda: Wie bist du auf die Idee gekommen? Ist sie mit der Zeit gewachsen oder gab es einen konkreten Auslöser?
Sven: Das ist schwer zu sagen. Generell hasse ich Diskriminierung, und es macht mich rasend, wenn ich solche Ungerechtigkeiten sehe wie Nominierungslisten für Buchpreise, auf denen nur wenige oder keine Frauen auftauchen. Beim Literaturnobelpreis war unter den Favoriten der Wettbüros nur eine Frau, aber es gab dort neun Männer. Das ist einfach kein System, das wir unseren Kindern und Kindeskindern zumuten sollten. Letztlich entstand die Idee nach einer Session von Nina George, Anke Gasch und Janet Clark auf der Leipziger Buchmesse. Sie sprachen genau diesen Missstand an, den ich selbst zuvor in einem Blogbeitrag schon mal ergründet hatte. Sie forderten uns auf: „Redet nicht nur darüber, sondern macht was!“ Innerhalb einer Woche ist dann die Idee zur Autorinnenzeit bei mir entstanden. Ich habe sie geplant und die unterschiedlichen Möglichkeiten zusammengefasst, wie man vorgehen kann. Dann habe ich mit Nina George, Autorinnenvereinigungen und anderen Leuten kommuniziert und sie gefragt, ob sie bereit wären, die Aktion zu unterstützen, unter anderem auch mit Karla Paul. Überall stieß ich auf breite Zustimmung.

„Kritik kam nämlich größtenteils von Männern.“

Edda: Allerdings hast du während der Durchführung nicht nur positive Rückmeldungen bekommen, es gab auch sehr kritische und auch ablehnende Stimmen. Hast du damit gerechnet, dass das teilweise so drastisch in den sozialen Netzwerken abgeht?
Sven: Ja, das war mir vollkommen klar. Das zeigt, dass Männer nicht gern aufgeben, was ihnen gar nicht gehören dürfte. Die Kritik kam nämlich größtenteils von Männern. Es ist erstaunlich zu sehen, was für ein Anspruchsdenken da herrscht. Mit der Autorinnenzeit haben wir Frauen nur mal für einen Monat von zwölf große Aufmerksamkeit gegeben, und dann geschieht da eine Art Rudelbildung, die versucht, die Aktion als sexistisch darzustellen. Auch manche Frauen waren kritisch, was vollkommen in Ordnung ist. Sie haben die Autorinnenzeit meist unter dem Aspekt gesehen, dass sie sich nicht diskriminiert fühlten. Aber nur weil man selbst noch nicht von einem Problem betroffen ist, heißt das ja nicht, dass es nicht existiert. Diese Reflexion fand aber nicht so häufig statt. Schade, denn diese Aktion hilft letztlich ja auch ihnen direkt oder indirekt.

Edda: Was war das Krasseste, was du während der Aktion erlebt hast?
Sven: Das Krasseste weiß ich gerade nicht. Aber am nervigsten war für mich, dass manche Männer behaupteten, ich mache das nur, weil ich gut dastehen möchte. Daraus folgte meine Trotzreaktion, während der Autorinnenzeit jegliche Interviews über die Aktion abzulehnen. Ich fand überhaupt nicht statt. Ich habe nur den Blogbeitrag geschrieben und den Hashtag erfunden. Der Rest war komplett auf Autorinnen gemünzt, damit gar nicht erste eine Grundlage entstehen kann, dass das vielleicht ein privates Projekt ist, um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Wenn man ehrlich ist, habe ich davon überhaupt nichts gehabt bis auf diese Kritik, die nahezu täglich kam. Ich hatte viel Stress, denn ich musste zahlreiche Fragen beantworten, Leute ankurbeln und motivieren, überprüfen, wie es läuft, mich natürlich selbst beteiligen und vorangehen. Ja, das war anstrengend. Aber das ist es ehrlich gesagt auch wert gewesen.

„Wir nehmen niemandem etwas weg“

Edda: Wie geht’s weiter mit der Autorinnenzeit?
Sven: Geplant ist, im nächsten Mai eine neue Autorinnenzeit durchzuführen, allerdings etwas breiter aufgestellt. Dieses Mal haben wir mehr als zwei, drei Wochen zur Vorbereitung. Ich werde mit unterschiedlichen Autorinnen und Organisationen reden, wie wir das zusammen wuppen und wie wir Autorinnen generell helfen können. Da werden sicherlich die unterschiedlichen Autorinnenvereine, Autorinnenclubs, das Nornennetzwerk und auch die Bücherfrauen eine große Rolle spielen. Ich werde auch noch mit weiblichen Autoren sprechen, was sie denken, wie man ihnen helfen könnte. Und dann werde ich versuchen, es möglichst breit und vielseitig umzusetzen. In einem Blogbeitrag zur Autorinnenzeit, der nicht viel anders sein wird als der, der bereits existiert, werde ich auch auf die bisherige Kritik eingehen. Ich möchte einfach zeigen, wie unnötig sie teilweise ist, weil wir mit der Aktion niemandem etwas wegnehmen, wir stellen Gerechtigkeit her.

Edda: Du sagst, dass hauptsächlich Männer die Autorinnenzeit kritisiert haben. Inwieweit haben denn Männer die Aktion auch unterstützt?
Sven: Das kann man an Zahlen sehen, die ich über die sozialen Netzwerke verfolgt habe. Leider war der größte Teil der Unterstützer weiblich. Einerseits ist das natürlich gut, weil die Autorinnenzeit Frauen in den Vordergrund stellt. Ich hätte mir allerdings mehr Zustimmung von Männern erwartet oder erhofft. Es waren aber nur 18 Prozent derer, die mitgemacht haben, Männer. Da sind meine eigenen Tweets schon mitgerechnet, ich habe ja auch jeden Tag gepostet. Das heißt, es waren tatsächlich vielleicht nur 16 oder 17 Prozent. Und das ist eigentlich erschreckend, wenn man ehrlich ist. Ich hätte wenigstens 40 oder 50 Prozent erwartet.

Edda: Wie lautet also dein Appell für das nächste Jahr?
Sven: Männer, traut euch! Gleichberechtigung und damit Gerechtigkeit kann man nur gemeinsam erreichen!

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Mit der Autorinnenzeit zählt Sven zu den Nominierten des diesjährigen Orbanism Awards in der Kategorie Live-Marketing B2C. Die Preisverleihung findet heute, am 13. Oktober 2017, von 18 bis 21 Uhr im Lesezelt auf der Frankfurter Buchmesse statt.

Zum Nachlesen: Svens Blogpost #Autorinnenzeit – Unterstütze deine Autorinnen!  mit Zahlen, Daten zum Thema sowie weiteren Leseempfehlungen zum Thema findest du hier.

 

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