Das Lernen lernen, Teil 1: Die Birkenbihl-Methode

Du kennst das: Du schaust gedankenverloren auf die Uhr – oder dein Handy –, um zu sehen, wie spät es ist. Einen klitzekleinen Augenblick später hast du die Uhrzeit bereits wieder vergessen. Wenn dich jetzt jemand danach fragt, musst du erneut nachsehen. Die Information ist schlicht und ergreifend an deiner bewussten Wahrnehmung vorbei gerutscht.

Wie mit der Uhrzeit, so ging es mir oft mit Zugverbindungen. Zigmal musste ich auf den Ausdruck meines Tickets schauen, bevor ich gecheckt hatte, wann ich auf welchem Gleis sein sollte. Ich sah nach, registrierte ein paar Ziffern und verdrängte sie umgehend. Wie war das nochmal? Wo musste ich genau hin? Besser, ich sehe nochmal nach …

Das Prozedere wiederholte sich stets wieder, bis ich vor Kurzem eine Methode entdeckte, die mir das Merken solcher Zahlenfolgen erleichtert hat. Die Methode stammt von Vera F. Birkenbihl und heißt daher die Birkenbihl-Methode. Ich startete einen Selbstversuch und kann aus eigener Erfahrung sagen: Sie funktioniert.

Das Unwahrscheinliche möglich machen

Zurück auf den Bahnsteig: Ich habe keinen Schimmer, wie viel Lebenszeit ich insgesamt damit verbracht habe, meine Bahnfahrkarten immer wieder auseinander zu falten und die Daten zu überprüfen. Die nächste Herausforderung folgte, wenn ich einen Sitzplatz reserviert hatte. Welcher Wagen? Welche Sitznummer? Verdammt, eben wusste ich es noch. Konzentrier dich gefälligst! Doch egal, was ich versuchte, irgendetwas sperrte sich in mir, die Ziffern zu behalten. Ich fühlte mich verloren und klammerte mich an meiner Fahrkarte fest.

Abstrakte Dinge wie Zahlen konnte ich mir noch nie besonders gut merken. Jahrelang quälte ich mich durch den Mathematikunterricht, wohl wissend, auf welcher Seite die benötigte Formel stand, welche Bilder auf der Seite waren – die Formeln selbst verschwanden immer wieder aus meinem Gedächtnis. Eines Tages jedoch, ausgerechnet in der Oberstufe beim Thema Stochastik – der Wahrscheinlichkeitsrechnung – probierte ich aus dem Bauch heraus einen Trick. Diese Lerneinheit brachte selbst manchen Crack aus der Klasse an seine Grenzen, ich hingegen blühte auf.

Diesmal durften wir die Formelsammlung mit in die Klausur nehmen. Selbstredend war es nicht erlaubt, sich im Buch Notizen zu machen, die helfen konnten. Da ich aber immer schon ein gutes Gedächtnis für Geschichten hatte und mir in Form von Erzählungen selbst die abstraktesten Dinge erschließen konnte, prägte ich mir statt der Formeln Beispiel-Textaufgaben ein. Ich stellte mir eine Person vor, die ein Problem zu lösen hat und fantasierte auch die entsprechende Lösung dazu. Praktisch verknüpfte ich intuitiv abstrakte Informationen miteinander und brachte sie in einen für mich sinnvollen und auch bildlich vorstellbaren Zusammenhang.

Geschichten und Bilder helfen

Jede meiner Geschichten ordnete ich einer der anzuwendenden Formeln zu, ohne die Formel selbst im Detail zu lernen. Bei der Klausur wurden uns, das wusste ich, ebenfalls Textaufgaben gestellt. Nun musste ich nur noch die Struktur meiner Geschichten (Problem & Lösung) mit denen in der Prüfung vergleichen, um zu wissen, welche Formel Anwendung finden musste. Eine Strategie, die ich mir in meiner Verzweiflung ganz allein ausgedacht hatte. Ich hatte im Grunde nichts zu verlieren.

Mein Plan ging auf. Trotz der Schleife, die ich in meinem Kopf drehte, gab ich die Arbeit als Erste ab – noch vor den Cracks. Ich war in Überschallgeschwindigkeit fertig, suchte die passende Formel raus, setzte die Ziffern ein und rechnete das Ergebnis aus. Es war die erste und einzige Eins, die ich in Mathematik seit der Grundschule bekam. Ein Bauerntrick, mag mancher jetzt meinen. Denn die Sprache und Logik der Mathematik beherrschte ich noch immer nur leidlich. Logisches Denken aber war ja gar nicht mein Problem, nur meine „Zahlenblindheit“, wie ich es irgendwann nannte.

Heute weiß ich, dass meine Schwierigkeiten vor allem zwei Ursachen hatten. Erstens lassen sich abstrakte Wissensinhalte schwerer lernen als solche, die mit Emotionen, Bildern und Erfahrungen verknüpft werden können. Zweitens führten meine jahrelangen Misserfolge dazu, dass ich mich irgendwann selbst blockierte und nicht mehr daran glaubte, mir jemals auch nur eine einzige Formel merken zu können. Es fehlte die Begeisterung. Das Lernen habe ich in der Schule nicht gelernt. Was ich bei der Stochastik intuitiv anwandte, funktionierte, weil ich Verknüpfungen herstellte, die beide Hirnhälften miteinander verbanden.

Sprachen lernen mit Birkenbihl

Damals wusste ich nicht, dass die Kommunikationswissenschaftlerin Vera F. Birkenbihl dies „gehirngerechtes Lernen“ nennt. Ein Zufall brachte mich Jahrzehnte nach besagter Matheklausur mit ihrer Lehre in Berührung. Ohne im Detail zu wissen, was neurowissenschaftlich in meinen Gehirnwindungen dabei abläuft, kann ich nach sehr kurzer Zeit schon sagen: Es lohnt sich, sich mit dieser Methode zu befassen. Lernen macht Spaß, wenn man es richtig macht. Die Birkenbihl-Methode wende ich inzwischen an, so oft es geht.

Aber was meint gehirngerechtes Lernen genau?

Nach Birkenbihl meint dieser Begriff „der Arbeitsweise des Gehirns entsprechend“, dies ist ein neurodidaktischer Ansatz. Unter Neurodidaktik werden verschiedene didaktische und pädagogische Konzepte zusammengefasst, die unter anderem auf Erkenntnissen der Neurowissenschaften basieren.

Birkenbihl ist vor allem durch ihre Sprachlernmethode bekannt geworden, die leider in den meisten Schulen und Sprachlernkursen nur wenig Anwendung findet. In vier Schritten ist es möglich, eine Sprache wesentlich leichter, das heißt intuitiver zu lernen als dies durch stumpfes Vokabeln lernen und Grammatik pauken möglich ist. Die vier Schritte gehen so:

  1. De-Kodieren: Im ersten Schritt wird der fremdsprachige Text wortwörtlich erschlossen. Die Übersetzung ist somit nicht nur sinngemäß, sondern überträgt auch die Struktur der fremden Sprache, indem der Satzbau erhalten bleibt. Zunächst fühlt sich das seltsam an, allerdings bekommst du dadurch schnell ein Gefühl dafür, wie die neue Sprache gebaut ist.
  2. Aktives Hören: In einem zweiten Schritt wird dieses Verständnis vertieft. Der fremdsprachige Text wird aktiv gehört, die Wort-zu-Wort-Übersetzung aktiv verfolgt. Der Text in der Fremdsprache wird von einem Native Speaker gelesen.
  3. Passives Hören: Es folgt eine dritte Phase, während der durch passives Hören die Klangbilder verinnerlicht werden. Wie Kinder beim Lernen ihrer Muttersprache nimmt das Gehirn die Informationen so während des üblichen Tagesablaufs auf. Währenddessen kann man sich getrost auf andere Dinge konzentrieren.
  4. Aktivitäten: Der Ablauf der vierten und letzten Phase hängt von den persönlichen Zielen ab. Möchtest du Texte in der neuen Sprache lesen können? Möchtest du Unterhaltungen führen? Ja nachdem, welches Ziel du verfolgst, gestaltest du nun die anschließenden Übungen.

Zur Veranschaulichung verlinke ich ein Video von Birkenbihl, in dem sie in ihren eigenen Worten noch einmal erklärt, wie sie vorgeht:

 

 

Ich persönlich wende diese Methode nicht in Reinform, sondern in Verbindung mit anderen Übungen an. Heißt: Ab und zu lerne ich auch Vokabeln und mache Grammatik-Übungen in meinen Büchern. Seit zweieinhalb Jahren lerne ich Türkisch und investiere mal mehr, mal weniger Zeit in meiner Lerneinheiten – je nachdem, was in der Woche noch so anliegt. Da das Türkische sich in seiner Struktur sehr stark von der deutschen Sprache unterscheidet, komme ich nur langsam voran. Seit ich allerdings die Birkenbihl-Methode bewusst einsetze, habe ich ein sehr viel besseres Verständnis für die Unterschiede gewonnen.

Begeisterung und Motivation sind der Schlüssel

Ich habe keinen Druck, denn mein einziges Ziel ist es, mich irgendwann in Alltagsgesprächen gut verständigen zu können. Es macht mir einfach Freude, mein Hirn herauszufordern und regelmäßig zu trainieren. Ich denke, in zwei, drei Jahren bin ich soweit. Da ich nicht viele Gelegenheiten habe, meine Kenntnisse aktiv anzuwenden, brauche ich eben etwas länger. Aber mit jedem Teilerfolg füttere ich meine Motivation wieder an.

Diese Begeisterung und Eigenmotivation ist für den Lernerfolg sehr entscheidend. Das betont auch der Hirnforscher Gerald Hüther in seinen Vorträgen immer wieder. Nicht, was wir regelmäßig wiederholen, bleibt am besten in unserem Gedächtnis hängen, sondern vor allem, was wir mit Begeisterung tun, meint er. Es lohnt sich folglich, die eigene Begeisterungsfähigkeit zu schulen beziehungsweise wiederzuentdecken.

Als Kinder sind wir alle mit großen, neugierigen Augen durch die Welt spaziert, wir wollten alles wissen und verstehen. Irgendwann ist diese Fähigkeit abhanden gekommen. Die Lösung ist also ganz einfach: Die Komfortzone verlassen! Back to the roots! Vernachlässige nicht das Kind in dir. Spiele, entdecke und lass dich auf Neues ein. Dann klappt es schließlich auch mit dem Merken der Platzreservierung oder mit dem, was du dir im Laufe deines Lebens sonst an Stolpersteinen in den Weg gelegt hast.

Zum Weiterdenken:

In diesem Video erläutert Gerald Hüther seine Theorie in einem unterhaltsamen Vortrag genauer. Wenn du magst, nimm dir die Zeit, ich fand die Erläuterungen sehr unterhaltsam – und erhellend:

 

 

2 Comments

  1. Immer wird in der Beschreibung der wichtigste Punkt vergessen. Das Imaginieren :/ .
    Dies ist neben dem Kodieren ein sehr wichtiger Schritt.
    Kann die Methode aber auch weiterempfehlen !

    • Hallo Judith!
      Danke für deinen konstruktiven Hinweis. Vera Birkenbihl erklärt im Video detailliert, wie in den einzelnen Phasen vorgegangen werden soll. Ich würde das Imaginieren oder auch bildliche Vorstellen unter dem aktiven Zuhören fassen.
      Liebe Grüße,
      Edda

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