[Rezension] Deutschland 4.0 – Tobias Kollmann & Holger Schmidt

Zur Buchmesse im vergangenen Jahr stellten die Autoren Tobias Kollmann und Holger Schmidt mit „Deutschland 4.0“ eine umfassende Analyse zur digitalen Transformation und den Versäumnissen in Sachen Digitalisierung der deutschen Politik und Wirtschaft vor. An der Kernaussage hat sich bis heute nichts geändert. Schade eigentlich.

Deutschland im Jahr 2016: Als erfolgreiche Industrienation hat sich die Bundesrepublik in der Vergangenheit zahlreiche Weltmarktführerschaften gesichert. Im Bereich der Digitalisierung jedoch sieht es mau aus. Google, Facebook und Co. bestimmen die Rankings bedeutender Wirtschaftsunternehmen.

Auf den billigen Plätzen

Auch heute, 2017, weist der Blick auf das Ranking der weltweit wertvollsten Brands ins Ausland: Google, Apple, Microsoft, Amazon und Facebook belegen die Plätze 1 bis 5. Immerhin auf Platz 25 taucht die deutsche Telekom auf. Dabei hätte alles so schön sein können.

Den Anschluss an wichtige Märkte wie Plattformdienste und soziale Netzwerke habe Deutschland  verschlafen, schreiben Kollmann und Schmidt. Ergebnis der Analyse: Ein Versagen der politisch Verantwortlichen auf der einen, das deutscher Unternehmer auf der anderen Seite habe in vielen Bereichen dazu geführt, dass die Bundesrepublik den Anschluss verlor.

Zu lange brauchen die einen für Entscheidungen und entscheiden selbst dann nur zaghaft. Die anderen trauen sich nicht an die heißen Eisen heran und schauen lieber aus sicherer Entfernung zu, wie andere sie schmieden. Um dies zu belegen, nennen die Autoren zahlreiche Beispiele.

Blick über den Ozean

So habe der Hamburger Verlag Gruner + Jahr bereits 1999, als es Google noch nicht gab, mit der Entwicklung einer Suchmaschine begonnen, so Kollmann und Schmidt. Parallel dazu aber investierte dessen Muttergesellschaft in das Internetportal Lycos Europe. Fatal, denn die Verträge mit dem amerikanischen Partner untersagten es, eine konkurrierende Suchmaschine voranzutreiben.

T-Online, einst hoch gehandelt, wurde 2006 wieder in den Telekom-Konzern eingegliedert und stieg in der Folgezeit aus verschiedenen hoffnungsvollen neuen Geschäftsfeldern aus. Diese Liste könnte beliebig verlängert werden. Unterdessen geht im Silicon Valley und anderswo, zum Beispiel auch in China, die Entwicklung cloudbasierter und Plattformdienste voran:

„Etwa 40 Prozent des Digitalgeschäfts in Deutschland liegt in der Hand ausländischer Unternehmen […]. Der Anteil ist mit 60 bis 70 Prozent auf der Ebene der Bezahlinhalte besonders hoch, weil hier Unternehmen wie Netflix, Spotify oder Apple den Markt dominieren“, schreiben Kollmann und Schmidt.

Industrie 4.0: Da geht noch was

Hinzu kommt, dass die deutsche Infrastruktur – Tut sich endlich etwas in Sachen Breitbandausbau? – in den Augen der Autoren derzeit keine bedeutenden technischen Entwicklungssprünge zulässt. Weder das Bildungssystem noch die Innovationsbereitschaft von Politik und Wirtschaft gebe Grund zur Hoffnung, schreiben sie. Doch genau hier setzen Kollmann und Schmidt mit ihren Lösungsvorschlägen an.

In fünf Abschnitten gehen sie zunächst auf den Ist-Zustand 2016 der Bereiche Gesellschaft, Technologie, Wirtschaft, Arbeit und Politik 4.0 ein. Hieraus leiten sie 25 Thesen ab, wie die digitale Transformation für Deutschland gelingen kann.

Mit einer mutigen Digitalpolitik, einer konsequent angewendeten Bildungsoffensive und durchdachten Konzepten in Sachen Industrie 4.0 könnte der Wirtschaftsstandort Deutschland zumindest in diesem Bereich auf dem Weltmarkt punkten.

Fortschrittsbremsen?

Doch dafür ist ein Perspektivwechsel notwendig, eine neue Führungskultur und zum Beispiel auch ein erwachsener Umgang mit Social Networks. „In keinem Industrieland nutzt ein solch geringer Teil der Bevölkerung soziale Medien wie in Deutschland. […] In keinem großen Land sind Akademiker in den sozialen Medien derart unterrepräsentiert“, stellen Kollmann und Schmidt fest.

Die Diskussion um Datenschutzrichtlinien dominiert die Debatte, während andere bereits das nächste innovative Geschäftsmodell aus der Taufe heben. „Datenschutz ist wichtig, sollte aber auf den Status einer notwendigen Nebenbedingung herabgestuft werden“, so die Autoren.

Konstruktive Lösungen

Ich habe „Deutschland 4.0“ mit großem Interesse gelesen und kann die Lektüre nur empfehlen. Das Buch ist gespickt mit zahlreichen gut recherchierten Fakten und Fallbeispielen und legt den Finger in die Wunde, nicht ohne konstruktive Lösungen anzubieten.

Warum die Lektüre auch 2017 lohnt? Weil sich in den entscheidenden Bereichen bis heute noch nicht viel getan hat. Leider.

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