Reisen verändert dich nicht, weil du woanders bist. Sondern weil du dir selbst begegnest. Vom Stranden am Flughafen über unerwartete Hilfe bis zu Momenten tiefer Dankbarkeit: Diese fünf Erkenntnisse haben mich auf Reisen geprägt. Und sie wirken bis heute nach.
1. Flexibilität – es geht immer irgendwie weiter

Tokio 2008: Meine erste Fernreise im Rahmen eines Regieauftrags
Es ist Mitternacht in Kuala Lumpur. Der Flug fällt aus. Niemand kann uns Auskunft geben, was jetzt geschehen soll. Stunde um Stunde warten wir auf Informationen. Müde, hungrig, ratlos. Erst früh am Morgen verfrachtet man uns in ein Hotel. Wann es weitergeht? Wir wissen es noch immer nicht.
Dafür kommen wir mit anderen Reisenden ins Gespräch. Der Mutter und ihren zwei Töchtern auf dem Weg von Australien zur Familie in Istanbul. Der deutschen Medizinerin, die in Australien lebt und die Feiertage in Wolfsburg mit ihrem Bruder verbringen möchte. Gemeinsam recherchieren wir, geben uns Kraft, motzen, hoffen und lachen. Mit 26 Stunden Verspätung sind schließlich alle am Zielflughafen angekommen. Alle um eine Erfahrung reicher.
Diese Anekdote zählt sicher nicht zu den Erlebnissen auf Reisen, die ich gerne wiederholen möchte. Im Nachhinein schaue ich dennoch mit einem Lächeln darauf zurück. Wo nicht alles glatt geht, ergeben sich im Rückblick die besseren Geschichten. Ereignisse, die bleiben – und dich verändern. Reisen lehrt dich, dass Kontrolle eine Illusion ist. Du kannst alles vorbereiten – am Ende kommt doch vieles anders.
Erkenntnis: Irgendwie geht es immer weiter. Nur nicht immer nach Plan.
2. Vertrauen – Hilfsbereitschaft ist universell

2012 lernte ich auf einem Roadtrip durch Australien zahlreiche interessante Menschen kennen
Etwa zwei Jahre später stehen wir wieder an einem Flughafen – wie bestellt und nicht abgeholt. Diesmal auf der Insel Flores, Indonesien. Wie sich herausstellt, haben wir zwar eine Rundreise gebucht, die Informationen sind aber bei der indonesischen Agentur untergegangen. Sie haben uns nicht im System und daher weder eine Reiseleitung noch Hotelübernachtungen organisiert.
Nach etwa zwei Stunden geht es glücklicherweise weiter. Ein einheimischer Taxifahrer hat uns geholfen, sein Wifi und sein Telefon geliehen, mit Agenturmitarbeitern gesprochen. Er bringt uns jetzt auch ins Hotel, in dem später ein spontan engagierter Reiseleiter und ein Fahrer aufkreuzen. Charmant improvisieren sie sich in den folgenden Tagen durch das vorgegebene Programm und geben sich Mühe, alle unsere Zusatzwünsche zu erfüllen.
Wir lachen gemeinsam, scherzen, erkunden Flores und die Inselgruppe um Komodo. Als die Reise nach zwei weiteren Wochen in einem Strandhotel endet, haben wir sie durchweg in positiver Erinnerung. Was DAS Ärgernis des Trips hätte werden können – nämlich dass wir vergessen worden waren –, wurde durch Hilfsbereitschaft und Humor zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Erkenntnis: Die meisten Menschen sind hilfsbereit, du bleibst nicht allein.
3. Prioritäten setzen – Zeit lässt sich nicht kaufen

Begegnung in Laos im Jahr 2019
Viele Menschen, die ich kenne, machen regelmäßig Urlaub. Reisen, so wie ich es verstehe, tun deutlich weniger. Beim Reisen geht es für mich nicht allein um Erholung, sondern darum, sich an Orte und zu Menschen zu begeben, die dich etwas lehren können. Die dich aus der Komfortzone herausholen. Unbekannte Kulturen, ein anderes Klima, fremde Landschaften, besonderes Essen, eine aufregend andere Tierwelt – all das eröffnet mir neue Perspektiven.
In meiner Erinnerung sehe ich mich in Luxor auf dem Teppichboden mit einem Verkäuferteam und einer Freundin sitzen. Bei einem leckeren Mittagssnack teilen wir Eindrücke, zeigen uns Fotos und berichten von aktuellen Herausforderungen. Ich sehe mich durch Venedig auf einem Boot „trampen“. (Unbedingt probieren, das funktioniert tatsächlich.) Mir kommen Bilder von Umweltaktivisten in Australien in den Sinn, die bei Darwin containern und mit denen wir anschließend mit den Fundstücken ein gemeinsames Abendessen improvisieren.
Daneben erinnere ich mich, wie wir uns in einer Reisegruppe bei Minusgraden und einer geschlossenen Eisdecke auf der chinesischen Mauer vorwärts bewegten. Abwärts ging es nur auf dem Allerwertesten. Alles andere wäre zu gefährlich gewesen. Eine Mordsgaudi. Ich sehe mich mit offenem Mund vor der Terrakotta-Armee stehen, vor den Pyramiden, dem Taj Mahal.
Ebenso vor den Riesenschildkröten auf Galapagos, den Waranen auf Komodo, der Orang-Utan-Dame auf Borneo, aber auch vor der Bergkette der Rocky Mountains oder den schier endlosen Wäldern Skandinaviens. All das hat mich Ehrfurcht gelehrt. Ganz gleich, was noch geschieht: Diese Erlebnisse und Eindrücke nimmt mir keine:r.
Erkenntnis: Begegnungen und Erinnerungen zählen mehr als jedes materielle Gut.
4. Aufgeschlossenheit – Anders ist einfach anders

Ohne Foto-App ist der Himmel in Indien meist grau. Der Smog lässt grüßen
Laos im November 2019. Wir sind in einer Reisegruppe mit sieben Personen unterwegs. Wieder einmal sitzen wir im Restaurant, wieder einmal müssen wir lange darauf warten, dass die Bedienung uns die Rechnung bringt. „Hier in Laos“, sagt unser einheimischer Reiseleiter, „laufen die Uhren anders.“ Im Klartext bedeutet das: Die Kellnerin lässt sich Zeit. Viel Zeit. Und zwar unabhängig davon, wie sehr wir drängen. Den Hinweis auf die Uhr beantwortet sie mit einem Lächeln – und lässt sich Zeit.
Solche Szenen erleben wir in den Folgetagen immer wieder. Anfangs herrscht bei einigen in der Gruppe Nervosität. Sie wollen schnell weiter, viel schaffen. Doch Tag für Tag entspannt sich die Atmosphäre immer mehr. Am Ende der gemeinsamen Rundreise ist die gesamte Gruppe maximal entschleunigt und relaxt. Als meine Reisepartnerin und ich Tage später in Saigon landen, erleben wir einen Kulturschock. Hier herrscht reges Treiben. Und selbst auf den Gehwegen ist man vor Mopeds nicht sicher.
Wobei: Doch, irgendwie schon. Sobald Ampeln auf Grün springen, bricht scheinbar ein Chaos aus. Gleichzeitig schreiten die Einheimischen, die zu Fuß unterwegs sind, in aller Ruhe über die Straße. Für sie ist das Normalität. Und sie kommen stressfrei ans Ziel. Die Mopeds weichen aus, finden Lücken, nehmen Rücksicht.
Auf meinen Reisen habe ich solche Erlebnisse zu schätzen gelernt. Dir begegnen Menschen, die vollkommen anders leben, denken und glauben. „Anders“ ist in diesem Sinne nicht falsch, sondern ungewohnt. Wenn du dir die Zeit nimmst zuzuhören, hast du die Chance, dein eigenes Schubladendenken zu erkennen, und entwickelst eine große Offenheit. Check your biases – mitten im Leben.
Erkenntnis: Es gibt zahlreiche Wege zu einem guten Leben.
5. Dankbarkeit – Du bist Teil der Welt, nicht ihr Zentrum

Mit Ben ging es für uns quer über die indonesischen Inseln Flores und Komodo
Gleichzeitig haben mich meine Reisen gelehrt, meine eigenen Privilegien bewusster wahrzunehmen und dankbar dafür zu sein. Ein Glas sauberes Wasser, eine warme Dusche, ein dichtes Dach über dem Kopf – für viele Menschen sind diese Dinge nicht selbstverständlich. Ein Schulsystem, das grundsätzlich allen zugänglich ist, oder eine geregelte Gesundheitsversorgung sind unfassbar wertvoll. (Auch wenn jedes dieser Systeme sicher noch optimiert werden kann.)
Wenn ich an die vielen verschiedenen Menschen denke, mit denen ich im Laufe der Jahre auf Reisen in Kontakt gekommen bin, fällt mir eines auf: Zufriedenheit ist eine Entscheidung. Zufrieden zu sein bedeutet in diesem Sinne nicht, nichts mehr ändern oder verbessern zu wollen. Es beschreibt eine bestimmte Grundhaltung, dem Leben zu begegnen. Diese Form der Zufriedenheit und Wut über Missstände schließen sich nicht aus. Klar ist aber auch: Wir Deutsche klagen zu häufig auf hohem Niveau.
Letztlich bist du nur ein winziger Teil einer großen Gemeinschaft. Und ganz gleich, wohin du gehst – du nimmst dich selbst immer mit. Deine Sorgen, deine Muster, deine Art zu reagieren. Du kannst dich in Bewegung setzen, aber dich selbst nicht zurücklassen. Die gute Nachricht ist: Du kannst dir selbst vollkommen neu begegnen.
Wie gerne würde ich meinem jüngeren Ich aus der heutigen Sicht auf den Weg geben: Entspann dich, es wird alles gut. Du bist stark, mutig und wunderbar. Und du wirst Herausforderungen bewältigen, von denen du heute noch nicht zu träumen wagst. Go for it!
Erkenntnis: Reisen führt dich zu deinem wahren Kern.
Fazit
Reisen hat mich gelehrt, dem Leben mit mehr Vertrauen zu begegnen. Nicht alles kontrollieren zu wollen, Hilfe anzunehmen und Unterschiede wertzuschätzen. Vor allem aber hat es mir gezeigt, dass Veränderung nicht dort beginnt, wo du ankommst, sondern in dem Moment, in dem du dich einlässt. Ganz gleich, wohin du gehst – du nimmst dich selbst immer mit. Und genau darin liegt die Chance: dir selbst unterwegs neu zu begegnen und Trip für Trip weiter zu wachsen.

