„Eine Enttäuschung ist eine Ent-Täuschung.“ Diesen Satz las ich in der Vergangenheit in Lifecoaching-Ratgebern immer wieder. Er klingt tröstlich, fast erleichternd: Etwas fällt weg, ein Schleier hebt sich, die Realität tritt klarer hervor. Ein negatives Erlebnis wird kurzerhand in einen Erkenntnisgewinn verwandelt. Und ja – an diesem Gedanken ist etwas dran. Aber er greift zu kurz.
Enttäuschungen sind selten reine Denkfehler, die sich nach einer Erkenntnis einfach abhaken lassen. Es handelt sich um emotionale Ereignisse, die sehr herausfordernd sein können und verarbeitet werden müssen.
Genau hier beginnt das Thema Selbstführung.
Warum Enttäuschungen so schmerzhaft sind
Enttäuschung entsteht dort, wo Erwartung und Realität auseinanderfallen. Das klingt nüchtern, fühlt sich aber selten nüchtern an. Häufig geht es nicht nur um eine verfehlte Annahme, sondern um etwas Tieferes: um Anerkennung, Zugehörigkeit, Verlässlichkeit oder Fairness. Enttäuschungen berühren unser Selbstbild. Sie stellen infrage, wie sicher wir uns im Kontakt mit anderen fühlen – und wie gut wir unsere Umwelt einschätzen können.
Auffällig ist: Enttäuschungen wirken oft länger nach als die auslösenden Ereignisse selbst, selbst wenn diese objektiv eine gravierende Wirkung haben. Das geschieht nicht, weil die Enttäuschungen messbar „schlimmer“ wären, sondern weil sie an innere Erwartungen rühren, die wir selbst oft kaum benennen können.
Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht: Wie vermeide ich Enttäuschungen? Sondern: Wer führt, wenn ich enttäuscht bin? Lässt sich jemand von emotionalen (unterbewussten) Mustern leiten oder übernimmt die Person Verantwortung dafür?
Die stille Macht der Erwartungen
Erwartungen sind selten laut. Sie wirken im Unterbewussten. Wie innere Verträge, die nie unterschrieben, aber dennoch als bindend empfunden werden. Typische Erwartungsfelder sind:
- Anerkennung für Einsatz
- Loyalität in schwierigen Situationen
- Fairness in Entscheidungen
- Sicherheit durch klare Rollen und Erfüllung von Zusagen
Das Problem: Diese Erwartungen bleiben oft unausgesprochen. Sie erscheinen so selbstverständlich, dass sie für objektive Ansprüche gehalten werden.
Enttäuschung ist dann aber nicht einfach eine Reaktion auf ein Ereignis. Sie ist das Signal, dass ein innerer (gefühlter) Vertrag einseitig aufgekündigt wurde.
Wenn Erwartungen den Realitätscheck nicht bestehen
Nicht jede Enttäuschung ist allerdings das Ergebnis eines tatsächlichen Fehlverhaltens. Viele Erwartungen halten einem nüchternen Realitätscheck nicht stand. Sie speisen sich aus früheren Erfahrungen, aus Verletzungen, aus biografisch gewachsenen Mustern, die nie reflektiert wurden.
Was sich heute wie ein berechtigter Anspruch anfühlt, ist nicht selten ein unbewusster Reparaturversuch: Diesmal werde ich (im übertragenen Sinne „von Vati“) gesehen. Diesmal hält jemand („meine Mutti“) zu mir. Diesmal behalte ich die Kontrolle.
Solche Erwartungen entstehen meist dort, wo Bedürfnisse früher nicht erfüllt wurden. Sie sind innerlich stimmig, aber äußerlich nie vereinbart. Kommt es zur Enttäuschung, trifft es deshalb nicht nur die aktuelle Situation, sondern eine alte Sollbruchstelle.
Das erklärt, warum die emotionale Reaktion oft größer ausfällt als der Anlass. Die Kränkung bestimmt das Verhalten, nicht die Sachlage.
Enttäuschung aus transaktionsanalytischer Perspektive
Die Transaktionsanalyse hilft, diese Dynamik genauer zu verstehen. (Siehe dazu auch meinen Grundlagenartikel zur Transaktionsanalyse, den ich hier verlinke.)
Enttäuschung aktiviert häufig das Kind-Ich: Gefühle von Ohnmacht, Verletzung, Zurückweisung. Diese Zustände sind unangenehm – und schwer auszuhalten, auch im unternehmerischen Kontext.
Um diese Ohnmacht nicht spüren zu müssen, erfolgt oft ein innerer Wechsel. Das kritische Eltern-Ich übernimmt: bewertend, anklagend, moralisch überlegen. Die innere Logik lautet dann nicht mehr: „Was ist hier passiert?“, sondern: „Wer ist schuld (an meiner Verletzung)?“
Der Zugang zum Erwachsenen-Ich – also zur sachlichen Einordnung und bewussten Steuerung – geht in diesem Moment verloren.
„Ent-Täuschung“ – hilfreich oder gefährlich?
Grundsätzlich ist der Gedanke der „Ent-Täuschung“ nicht falsch. Er kann helfen, unrealistische Bilder zu korrigieren und Klarheit zu gewinnen. Problematisch wird er dort, wo er als Abkürzung genutzt wird: Wenn Verletzung übersprungen, Gefühle relativiert und Enttäuschung sofort umgedeutet wird. Dann wird aus Selbstführung Selbstüberforderung.
Enttäuschung braucht zuerst Anerkennung, nicht Rechtfertigung und auch keine Beschwichtigung. Und auch keine sofortige positive Wendung. Die Gefühle, die durch die Enttäuschung ausgelöst werden, sollten gefühlt, gehalten und reflektiert werden.
Wenn Enttäuschung zur Wut wird
Wird Enttäuschung nicht gehalten, sucht sie sich ein Ventil. Häufig ist das die Wut. Wut stellt schneller Handlungsfähigkeit her als Traurigkeit. Traurigkeit folgt erst, wenn Raum dafür entsteht. Wut ersetzt daher häufig die Auseinandersetzung mit einem verletzenden Gefühl.
Sie ist laut und scheinbar klar. Und sie gibt zeitweise das Gefühl von Kontrolle zurück. Als sekundäres Gefühl schützt sie vor Ohnmacht – und verlagert den inneren Konflikt nach außen. Ein typisches Muster:
- Eine Erwartung wird enttäuscht.
- Die Verletzung wird nicht zugelassen, sondern externalisiert (also nach außen übertragen).
- Es folgt der Wechsel in Angriff, Schuldzuweisung, Eskalation.
Transaktionsanalytisch betrachtet übernimmt nun das kritische Eltern-Ich. Der Konflikt dient nicht mehr der Klärung, sondern dem Sieg. Führung kippt in Machtausübung. Und die Beziehung wird zum Kollateralschaden, koste es, was es wolle.
Wut ist nicht grundsätzlich ein schlechtes Gefühl, im Gegenteil. Destruktiv wird sie allerdings dort, wo sie Enttäuschung ersetzt, statt die damit verbundenen Gefühle zu reflektieren.
Selbstführung heißt: Erwartungen prüfen, nicht rechtfertigen
An diesem Punkt entscheidet sich, ob Enttäuschung destruktiv oder klärend wirkt. Selbstführung bedeutet hier nicht, Gefühle zu kontrollieren, sondern innere Prozesse zu erkennen und zu verarbeiten. Eine zentrale Frage lautet: Ist diese Erwartung realistisch oder biografisch aufgeladen?
Es geht nicht darum, Erwartungen abzuschaffen, sondern sie von inneren Mustern zu trennen. Wer das schafft, übernimmt Verantwortung für die eigene Reaktion, ohne sich selbst oder andere zu entwerten. Zwischen dem Gefühl und der Handlung entsteht damit wieder Gestaltungsspielraum.
Vom Reagieren zum Gestalten
Gerade in Momenten, in denen etwas nicht funktioniert wie erhofft, wird sichtbar, wie jemand führt – sich selbst und andere. Enttäuschungen weisen auf Werte hin. Auf das, was uns wichtig ist. Und auf das, was geklärt werden muss. Gestaltung wird wieder möglich, wenn:
- Rollen und Zuständigkeiten explizit gemacht werden
- Erwartungen ausgesprochen und überprüft werden
- bewusst entschieden wird, ob Nähe, Distanz oder Neuausrichtung sinnvoll ist
Nicht jede Enttäuschung verlangt nach Aussprache. Aber jede verlangt nach innerer Klärung.
Fazit: Enttäuschungen als Prüfstein für Selbstführung
Enttäuschungen lassen sich nicht vermeiden. Sie sind Teil von Beziehungen, Zusammenarbeit und Führung. Entscheidend ist nicht, ob sie entstehen, sondern wie mit ihnen umgegangen wird.
Selbstführung zeigt sich dort, wo Erwartungen nicht reflexhaft verteidigt, sondern überprüft werden. Wo Gefühle nicht verdrängt oder externalisiert, sondern wahrgenommen und eingeordnet werden. Wer Enttäuschungen so versteht, gewinnt Handlungsspielraum – und zeigt Verantwortungsbewusstsein.
Enttäuschungen zeigen demnach nicht nur, dass etwas schiefgelaufen ist, sondern auch wo Entwicklung möglich ist. In diesem Sinne kann jede Enttäuschung letztlich zur konstruktiven „Ent-Täuschung“ beitragen.

