Es gibt schwierige Beziehungen, bei denen Verstehen allein längst nicht mehr reicht. Muster wiederholen sich. Die biografischen Hintergründe deines Gegenübers sind bekannt, ebenso die Verletzungen und Ängste, die dysfunktionale Reaktionen auslösen. Deine eigenen Anteile kennst du und vermutlich gab es mehr als einen Versuch, all das in einem ruhigen Gespräch zu klären. Und trotzdem verändert sich nichts. Genau mit dieser Dynamik beschäftigt sich „Immun gegen emotional unreife Menschen“ von Lisa Irani und Anna Eckert. Ein Buch, das wirkt.
Geeignete Immunabwehr
Wenn ein Bindungsbedürfnis auf einen emotional unreifen Menschen trifft, entsteht leicht die oben geschilderte Dynamik. Das gilt im Privaten ebenso wie in anderen Beziehungsmodellen, zum Beispiel im beruflichen Umfeld. Tragfähige Beziehungen entstehen, wo Raum für gesunde Grenzen und eine nährende Beziehung besteht. Nicht in jeder Beziehung aber ist es möglich, das zu leben.
Dabei treffen die Autorinnen gleich zu Beginn eine wichtige Unterscheidung: Emotional unreif bedeutet nicht automatisch toxisch. Und es ist auch nicht gleichbedeutend mit narzisstisch – auch wenn sich einige Parallelen feststellen lassen. Für die Bewertung einer Beziehung macht es einen Unterschied, ob ich einem Menschen eine manipulative Absicht unterstelle oder erkenne, dass er bestimmte emotionale Fähigkeiten nicht oder nur unzureichend entwickelt hat. Doch auch ein Mensch, der mich nicht absichtlich verletzt, kann Grenzen überschreiten.
Um Beziehungsdynamiken zu verstehen, ist vor allem der Blick auf die Verhaltensmuster wichtig. Ich muss ein Verhalten weder als toxisch noch als narzisstisch einordnen, um für mich zu entscheiden: So möchte ich nicht behandelt werden.
Die Rolle unreifer Eltern
Besonders ausführlich beschäftigen sich Irani und Eckert mit emotional unreifen Eltern. Hier liegt meist der Ursprung erlernter Beziehungsmuster. Kinder sind darauf angewiesen, sich auf ihre Bezugspersonen einzustellen. Fehlt es den Eltern an emotionaler Reife, kann sich dieses Verhältnis verschieben: Statt die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes zuverlässig wahrzunehmen und ihm Sicherheit zu geben, erwarten solche Eltern, dass die Beziehung ihre eigenen emotionalen Bedürfnisse erfüllt.
Die Autorinnen beschreiben diese Verschiebung so: „Die innere Welt der Eltern ist stark auf das eigene Selbst bezogen. Im Mittelpunkt steht nicht das Kind, sondern das eigene Bedürfnis, gesehen, bestätigt und abgesichert zu werden.“
Damit verändert sich auch die Rolle des Kindes. Es lernt früh, die Stimmung der Eltern wahrzunehmen, Erwartungen zu erfüllen, Konflikte zu vermeiden oder für Harmonie zu sorgen. Solche Strategien können später selbstverständlich erscheinen – und auch in erwachsenen Beziehungen weiterwirken. Später können genau diese Strategien einer gesunden Abgrenzung und tragfähigen Beziehungen im Weg stehen.
Frühe Verantwortungsübernahme
Und noch etwas ist wichtig: Ein Kind kann in gewisser Weise umsorgt, gefördert und geliebt werden und gleichzeitig lernen, dass die emotionale Stabilität der Eltern Vorrang hat. Dass bestimmte Dinge besser unausgesprochen bleiben. Dass Widerspruch Kränkung auslöst. Dass Nähe davon abhängt, wie gut es gelingt, Erwartungen zu erfüllen. So übernimmt das Kind früh Verantwortung für ein emotionales System, für das die Erwachsenen zuständig wären.
Irani und Eckert benennen eine mögliche Folge sehr treffend: „Kinder solcher Eltern wissen oft erstaunlich viel über deren Nöte und Konflikte, doch umgekehrt gilt das nicht. Die Eltern zeigen wenig Interesse daran, die Innenwelt ihres Kindes wirklich kennenzulernen.“
Deutliche Asymmetrie
Es zeigt sich also eine deutliche Asymmetrie: Das Kind ist an seine Eltern gebunden und darauf angewiesen, diese Bindung zu sichern. Gleichzeitig kann es an emotionaler Nähe fehlen. Das Kind kennt die Geschichte der Eltern, ihre Verletzungen, Konflikte und empfindlichen Punkte, während seine eigene Innenwelt kaum Raum bekommt. Es entwickelt feine Antennen für Stimmungen und lernt früh, sich auf die Bedürfnisse der Eltern einzustellen.
Gerade diese Anpassung ist Ausdruck Bindungsbedürfnisses. Das Kind versucht, die Bindung zu sichern, indem es Erwartungen erfüllt, Konflikte vermeidet oder Verantwortung für die Stimmung übernimmt. Was in der Kindheit eine sinnvolle Strategie sein kann, wirkt dann allerdings häufig bis ins Erwachsenenalter hinein.
Die paradoxe Seite der Empathie
Wer früh gelernt hat, Beziehungen durch Anpassung, Verständnis und Verantwortungsübernahme stabil zu halten, nimmt diese Muster auch in andere Beziehungen mit. Empathie gilt zu Recht als wichtige soziale Fähigkeit. In schwierigen Beziehungen kann sie allerdings eine paradoxe Wirkung entwickeln: Wer sehr gut nachvollziehen kann, warum ein anderer Mensch sich auf eine bestimmte Weise verhält, findet auch sehr gute Erklärungen dafür.
Die Mutter hatte selbst keine liebevolle Mutter. Der Vater hat nie gelernt, über Gefühle zu sprechen. Der Partner reagiert aus Verlustangst. Die Freundin zieht sich zurück, weil sie mit Konflikten nicht umgehen kann. Der Chef hat Schlimmes durchgemacht. All das kann vollkommen richtig sein. Es beantwortet allerdings nur die Frage, warum der andere so handelt. Es bedeutet nicht, alles hinnehmen zu müssen.
Ausgerechnet die Fähigkeit zur Perspektivübernahme kann so dazu führen, die eigene Perspektive immer weiter zurückzustellen.
Lösungsorientierter Umgang
Wer eine Beziehung erhalten möchte, versucht, Probleme zu lösen. Dazu gehören Gespräche, Erklärungen, die Auseinandersetzung mit der Sicht des anderen und die Bereitschaft, den eigenen Anteil zu prüfen. In emotional reifen Beziehungen trägt genau das zur Klärung bei. Schwierig wird es, wenn diese Strategie in einer Beziehung ins Leere läuft.
Genau hier setzt der Ratgeber an. Die Autorinnen bieten schnelle Hilfe zur Selbsthilfe. Sie ordnen ein, ohne zu verurteilen. Und sie bestärken, der eigenen Wahrnehmung zu trauen. Abgrenzung beginnt nicht erst, wenn mein Gegenüber meine Sichtweise akzeptiert. Es braucht keine gemeinsame Interpretation der Vergangenheit, keine gemeinsame Lösung, die auf Verständnis basiert.
Gerade für Menschen, die gewohnt sind, Konflikte kommunikativ zu lösen, ist das schwer auszuhalten. Kommunikation ist wichtig, aber sie hat Grenzen. Die emotionale Reife einer anderen Person kann ich dadurch nicht ersetzen.
Irgendwann lautet die entscheidende Frage deshalb nicht mehr: Wie erkläre ich es so, dass mein Gegenüber mich endlich versteht? Viel wichtiger wird: Was tue ich, wenn sie:er mich nicht verstehen will oder nicht verstehen kann? Hier liefern Lisa Irani und Anna Eckert passende Antworten. Klare Leseempfehlung!

