Buchcover Das Erwachen

[Rezension] „Das Erwachen“ – Kate Chopin

Als 1899 der Roman „Das Erwachen“ (Original-Titel: The Awekening) von Kate Chopin erschien, löste die amerikanische Autorin damit einen Skandal aus. Die Geschichte handelt von Edna Pontellier, einer gut bürgerlich verheirateten zweifachen Mutter, die den Hausstand ihrer Familie verlässt und  Romanzen mit anderen Männern erlebt. Literaturgeschichtlich handelt es sich um ein sprachlich beeindruckendes Werk der Frauenbewegung zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Bedrückender Einstieg

Dass diese Geschichte kein gutes Ende nimmt, ahnte ich bereits nach den ersten Kapiteln. Oft uninspiriert plätschern die Plaudereien der feinen Gesellschaft dahin. „Wie ein trauriges Wiegenlied“ bricht sich das Meer in der Nacht, ein klassischer Sehnsuchtsort. Ednas Ehemann, der sie ansieht „wie ein wertvolles Stück persönlichen Eigentums“, hält ihr Unaufmerksamkeit und Vernachlässigung der Kinder vor. Eine „unbeschreibliche Bedrücktheit“ erfüllt Ednas Wesen, welches Chopin an anderer Stelle als durchaus lebhaft und strahlend beschreibt.

Die Autorin macht keinen Hehl daraus, wie es um die Ehe der Pontelliers bestellt ist: Anerkennung für den „besten Ehemann der Welt“ erhält die Protagonistin von anderen. Sie selbst sieht „sich gezwungen zuzugeben, sie kenne keinen besseren“. Ihr Konflikt findet hinter der gutbürgerlichen Fassade und im Inneren statt.

Enge Moralvorstellungen

„Nun muss ich sitzen so fein und klar, gleich einem artigen Kinde, und darf nur heimlich lösen mein Haar, und lassen es flattern im Winde!“,  beschrieb die deutsche Dichterin Annette von Droste-Hülshoff im Jahr 1848 in ihrem Gedicht „Im Turme“, welche Erwartungen seinerzeit an Frauen der besseren Gesellschaft herangetragen wurden. Auch im amerikanischen Umfeld von Chopins Hauptfigur Edna, vor der Kulisse New Orleans’ und der Küste Louisianas, herrschen enge Moralvorstellungen.

Umso mehr überrascht, mit welcher Klarheit die Autorin das Dilemma ihrer Protagonistin benennt. „Mrs. Pontellier war keine mütterliche Frau“, schreibt sie. Und: „Sehr früh schon hatte sie instinktiv begriffen, dass es zwei Leben gibt – jenes äußere, das sich anpasst, und das innere, das alles hinterfragt.“ Schnörkellos führt sie durch die Handlung, in deren Verlauf Edna sich schrittweise mehr und mehr Freiräume schafft.

Bildhafte Vorwegnahme

Wie Ingeborg Bachmanns Frauenfiguren in den Todesarten-Erzählungen bleibt Edna trotz ihrer Sehnsucht nach Leidenschaft, Sinnlichkeit und Selbstbestimmung doch immer auch ihrem Nicht-mehr-Zustand verhaftet, den gesellschaftlich anerkannten Grenzen. Die vollständige Befreiung aus diesen Strukturen bleibt Wunschtraum. Der Ehebruch findet – von einem Kuss abgesehen – vor allem in der Fantasie statt. Die Beziehung zu den beiden Männern, denen sie in Abwesenheit des Ehemannes ihre Aufmerksamkeit schenkt, lebt sie über weite Strecken platonisch.

Wie Chopin es bereits zu Beginn bildhaft vorwegnimmt, scheint es für die Protagonistin einen einzigen Ausweg aus ihrem Dilemma zu geben:

„Die Stimme der See spricht zur Seele. Die Berührung der See ist sinnlich, wenn sie den Körper in sanfter, inniger Umarmung umschließt.“

Am Ende taucht Edna ein in diese Sinnlichkeit und schwimmt bis zur Entkräftung auf das offene Meer hinaus. Erfüllung suchte sie im Korsett des 19. Jahrhunderts vergebens.

Zum Hintergrund

Im September 2019 hat der Verlag ars vivendi den eher unbekannten Klassiker in einer neuen Übersetzung herausgebracht. In schlicht-schmuckem Einband erhalten die Leser*innen zahlreiche Anmerkungen zu der Geschichte und den historischen Hintergründen.

Für Chopin, die auch in anderen Texten immer wieder die Beziehung zwischen Mann und Frau thematisierte, begann mit der Veröffentlichung ein Spießrutenlauf. Freunde und Bekannte zogen sich zurück, Kritiker zerrissen das Werk. Ein Grund mehr, den Roman heute nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Funfact: Zu den zahlreichen Büchern, die Rory Gilmore in der Serie „Gilmore Girls“ liest, zählt „The Awakening“ ebenfalls.

Ungenutzte Chance

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings aus meiner Sicht. In der vollen Breite hat Übersetzerin Ingrid Rein ihre Möglichkeiten leider nicht genutzt. So kommt zum Beispiel auch die schwarze Bevölkerung hin und wieder im Text vor. Zwar nicht in der Haupterzählung, jedoch beispielsweise in der Rolle von Dienstboten, Kindermädchen und Mägden. Ein Umstand, der sich auch in der Lebenswirklichkeit der Autorin widerspiegelt.

Zahlreiche Begriffe „zur Klassifizierung der farbigen Bevölkerung, die heute als rassistisch gelten“ seien zur Entstehungszeit genutzt worden und kommen auch im Romantext vor, erfahre ich in einer Fußnote. Warum sich Rein entschied, diese Begriffe dennoch zu verwenden – obgleich es ein Leichtes wäre, auch hier mit moderner Sprache zu arbeiten und Rassismen wie das „N-mädchen“ zu vermeiden – ist unverständlich. Schade.

 

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Transparenzhinweis: Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag ars vivendi kostenfrei zur Verfügung gestellt.

 

 

 

 

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