Buchcover Vanitas Grau wie Asche

[Rezension] „Vanitas – grau wie Asche“ von Ursula Poznanski

Im März hat Erfolgsautorin Ursula Poznanski mit „Grau wie Asche“ den zweiten Teil ihrer Vanitas-Reihe vorgelegt. Nachdem ich den ersten Teil begeistert verschlungen hatte, bereitet mir die Fortsetzung Bauchschmerzen. Obgleich Poznanski eigentlich vieles richtig macht.

Einsame Rächerin

Es gibt Protagonist*innen, denen verzeihst du alles. Lisbeth Salander war so eine Person, deren teils brutales und oft (juristische) Grenzen überschreitendes Verhalten mich während der Millenium-Trilogie hervorragend unterhielt. Ganz klar, ich oute mich als Salander-Fan. In gewisser Weise ist sie für mich eine Art weiblicher Gegenentwurf zum meist männlich besetzten Topos des einsamen Rächers.

Fast wie im Märchen: Die Bösen bekommen auf die Mütze – und nicht nur dahin. Dabei ist sie intellektuell ohnehin den meisten Menschen überlegen, besitzt nämlich einen überdurchschnittlich scharfen Verstand, verfügt über Kampftechniken und stellt sich ihren Peinigern mutig entgegen. Mit Erfolg.

Geschändete Gräber

Auch Blumenhändlerin Carolin hätte eine solche Figur werden können. Als ehemaliger Polizeispitzel versteckt sie sich unter falschem Namen noch immer vor ihren ehemaligen Auftraggebern. Allerdings kann sie es nicht lassen, ihre neugierige Nase in einen Kriminalfall zu stecken, der direkt vor der Tür, auf dem Friedhof beim Blumenladen, seinen Anfang nimmt.

Mehrere Gräber werden geschändet, seltsame Symbole tauchen auf. Schließlich geschieht auch ein Mord, die Leiche wird passenderweise ebenfalls gleich auf dem Friedhof abgelegt. Immer wieder sucht Carolin den Ort des Geschehens auf und macht sich dadurch sogar selbst verdächtig. Klug ist das nicht. Und es wirkt spätestens ab der Hälfte des Romans konstruiert, denn gleichzeitig schlägt ihre Paranoia zu.

Niedrige Impulskontrolle

Während Carolin den Tatort Friedhof genau im Auge behält, fällt ihr das seltsame Verhalten eines jungen Mannes auf, der angeblich nur aus Interesse an ihrer Kollegin beim Blumenladen rumhängt. Carolin glaubt ihm nicht und – Achtung, Spoiler! – sieht in ihm eine potenzielle Gefahr, einen Verbündeten ihrer Verfolger. Kurzerhand entführt sie ihn und sperrt ihn unter entwürdigenden Bedingungen tagelang ein.

Immerhin, das muss ich Carolin lassen: Kriminalistisches Gespür hat sie. Sowohl Neugierde als auch andere Übersprungshandlungen deuten allerdings auf eine niedrige Impulskontrolle hin. So gesehen kann das natürlich passieren, mit so einer Entführung. Warum es sich trotzdem falsch anfühlt?

Zu viel des Guten

Nun, im Gegensatz zur Salander-Story weiß ich als Leserin nicht, ob Carolins Verdacht richtig ist. Sie quält einen Menschen und mischt sich zwischenzeitlich immer wieder in die parallel laufenden Mordermittlungen ein, obgleich sie mehrfach feststellt, wie unvernünftig dies eigentlich ist. Mir fiel es über weite Strecken schwer, ihre Beweggründe tatsächlich nachzuvollziehen.

Folglich hatte ich wenig Mitleid mit ihr, hingegen Mitgefühl mit einem vermeintlichen Täter, der in Ketten gelegt in einem einsamen Keller hockt. Während es Poznanski im ersten Teil gelingt, trotz ihrer Macken ein hohes Identifikationspotenzial für ihre Protagonistin zu schaffen, wirkt Carolin für mich in der Fortsetzung oft pubertär und unausgereift.

Hoffnung auf Teil 3

Ungeachtet dessen konnte ich den Band nicht aus der Hand legen. Natürlich musste ich wissen, was es mit den Symbolen und den Morden auf sich hat. Immerhin diese Geschichte wird in meinen Augen sauber erzählt. Nur hat sie nichts mit Carolins Vorgeschichte zu tun und gerät beinahe zum Nebenstrang.

Am Ende macht sich die Protagonistin auf und davon, ihre Verfolger waren ihr näher auf den Fersen als ihr lieb ist. Wir wollen hoffen, dass die Fäden im dritten Teil wieder stringenter zusammenlaufen. Als kraftvolle und kluge Rächerin wird Carolin in diesem Roman leider nicht in Erinnerung bleiben.

 

 

 

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