[Rezension] Kranichland – Anja Baumheier

Ein Brief bringt das Leben von Theresa Matusiak vollkommen durcheinander: Ihre vor Kurzem verstorbene Schwester Marlene habe ihr ein Haus vererbt. Sie kann es kaum glauben, das muss ein Missverständnis sein, denn – davon ist Theresa überzeugt – Marlene ist schon lange tot. Gestorben bei einem Bootsunfall, so hatten es ihre Eltern damals berichtet. Gemeinsam mit ihrer großen Schwester Charlotte und deren Tochter begibt sich Theresa auf Spurensuche und deckt schließlich ein lang verborgenes Familiengeheimnis auf.

Der Debütroman „Kranichland“ der Autorin Anja Baumheier beginnt in den Wirren des Zweiten Weltkrieges in Schlesien und schlägt einen Bogen über die DDR in den 60er-Jahren bis zum wieder vereinten Deutschland heute. Theresas Vater Johannes, der aus Schlesien flieht und dort noch den Suizid seiner Mutter erleben musste, trifft in Rostock auf Elisabeth. Sie ist seine große Liebe. Johannes und Elisabeth heiraten und gründen eine Familie. Die DDR soll ihre neue Heimat werden, doch die Zwänge des Regimes graben tiefe Spuren in das Familienleben.

In den Fängen des Systems

Während sich Johannes – geleitet durch seinen Mentor Kolja, der sich des Jungen nach Kriegsende annahm – ganz dem System verschreibt und an das Gute des Sozialismus glaubt, leidet seine Tochter Marlene unter den Restriktionen und der Meinungsdiktatur der politischen Ordnung. Mit ihrem Freund plant Marlene als 17-Jährige ihre Flucht und wird erwischt. Marlenes Eltern müssen eine Entscheidung treffen, die schwerwiegende Folgen hat. Die Familie bricht auseinander.

Es ist eine spannende Reise, auf die Baumheier ihre Leser mitnimmt. Die Kriegstraumata der Elterngeneration wirken sich oft über Generationen aus. Das ist vor allem bei Johannes spürbar, der entwurzelt endlich eine neue Heimat gefunden zu haben glaubt, jedoch für die Schattenseiten der DDR blind geworden ist. Auch Elisabeth kann sich nicht freimachen von ihrer Rolle der stillen Dulderin. „Hatten wir eine Wahl?“ Bleischwer hängt Johannes‘ Frage im Raum.

Aufarbeitung der Kriegstraumata

Häufig sind es nachfolgende Generationen, die die Traumata ihrer Eltern und Großeltern bearbeiten und ausgraben, so auch in diesem Fall. Die Geschichte, die zwar manchmal etwas zu konstruiert erscheint, hat genau in diesem Punkt ihre Stärke: Unprätentiös deckt Baumheier die verdeckten Motive ihrer Figuren auf und erzählt von einem dunklen Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte. Dabei ergreift sie keine Partei, sondern gibt den unterschiedlichen Perspektiven nebeneinander Raum. Ein gelungenes Erstlingswerk.

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