Wider den Selbstoptimierungswahn – Premiere von „Das Maß der Dinge“

Welche gesellschaftliche Aufgabe erfüllt Kunst und wie weit darf sie gehen? Diese Frage ist so alt wie der akademische Begriff der Kunst selbst. Wir erschaffen und denken gleichzeitig (auf wissenschaftlicher Ebene) darüber nach, warum wir erschaffen. Im Kern wirft uns das immer auf eines zurück: auf unser Verhältnis zu uns selbst und zu dem Anderen. Es geht um Beziehung in Neil LaButes Theaterstück „Das Maß der Dinge“. Um Beziehung und um Bindung. Eine Bindung, die auch Abhängigkeit genannt werden könnte. Ein schüchterner junger Mann lernt in einem Museum eine faszinierende Frau kennen. Er verfällt ihr mit Haut und Haar und passt sich bereitwillig ihren Erwartungen an.

Sie umgekehrt fordert ihn heraus, traktiert ihn mit Zuckerbrot und Peitsche und macht sich dabei sein angeschlagenes Selbstwertgefühl zunutze. Am Hawerkamp, Halle B/Münster brachte das Theater Delüx das beklemmende Zwei-Personen-Drama zur Aufführung.

Kann das Liebe sein?

Das Maß der Dinge (Theater Delüx)Wer kennt sie nicht, den Wunsch zu gefallen und die Bereitschaft, sich mit einem neuen Menschen auf neue Hobbys, neue Gewohnheiten und neue Sichtweisen einzulassen. Die Hormone tanzen Tango, es fühlt sich aufregend an und tut dem Ego gut, wenn die Bemühungen mit Applaus und der entsprechenden Aufmerksamkeit belohnt werden.

Doch Aufmerksamkeit und Liebe sind leicht zu verwechseln, wenn die Erfahrung fehlt. Erst recht, wenn Manipulation auf der einen und Verlustängste/mangelndes Selbstvertrauen auf der anderen Seite aufeinandertreffen. Es ist ein schmaler Grat. Bis zu welchem Punkt ist etwas noch normal, wann wird es zur Selbstaufgabe oder zu psychischer Gewalt?

Bei „Das Maß der Dinge“ wird relativ schnell deutlich, dass die Grenze überschritten ist. Spätestens als ER sich (erst wenige Wochen nach dem Kennenlernen) ihre Initialen auf die Haut tätowiert und SIE ihn emotional erpresst, den Kontakt zu alten Freunden abzubrechen, – was er auch tut! –, wird der geneigte Zuschauer denken: Das geht zu weit.

Paradiesische Scheinwelt

Aber warum eigentlich? Tut ER dies nicht alles aus freiem Willen? Wird er automatisch zum Opfer, weil er sich (scheinbar) gegen SIE nicht zu wehren weiß? Anscheinend aber möchte er das gar nicht. Zwar schaut er nicht mehr ganz so verliebt wie am Anfang, doch noch immer hat er Sternchen in den Augen, wenn er sie anschaut. Die Droge Aufmerksamkeit hält ihn im Würgegriff.

Nicht zufällig nennt der Autor seine beiden Protagonisten Adam und Evelyn. Der scheinbar paradiesische Zustand vom Beginn wandelt sich schnell (durch ihre Verführung allein?) zu einer Beziehungshölle, zur größten Enttäuschung seines Lebens. Dabei wollte Adam doch nur eines, endlich einmal glücklich sein – und nicht mehr allein.

Um diesen „Mangel“ zu kompensieren, ist er zu vielem bereit. Und dabei einem gesellschaftlichen System verwandt, das „Selbstoptimierungswahn“ zu einem hohen Gut erhoben hat. In dem ein Partner schlimmstenfalls zum Statussymbol verkommen kann, zum Vorzeigeobjekt. In dem wir oft eher (realen oder erdachten) Erwartungen folgen als gesunden Bedürfnissen.

Facettenreiches Spiel

Das Maß der Dinge (Theater Delüx)Wer also ist hier Täter, wer ist Opfer? Und ist dieses Gegensatzpaar überhaupt angemessen? Adams Selbstwert wächst durch Evelyns Zuwendung, auch wenn sie ihm einiges abverlangt. Ihre Motive hingegen bleiben lange im Unklaren und selbst zum Ende des Stückes habe ich das Gefühl, dass unter ihrer undurchdringlichen Schale noch etwas anderes stecken muss. Etwas Destruktives, das sich letztlich auch gegen sie selbst richtet.

Alice Mortsch verkörpert die weibliche Protagonistin mit enormer Spielfreude und trotzt ihr – harte Schale hin oder her – zahlreiche Facetten ab. Stefan Nászay vollzieht seine Entwicklung glaubhaft und mit großer Wandlungsfähigkeit. Die Kunst ist es, was beide von Anfang an miteinander verbindet. Und die als dritte Protagonistin im Bunde stets anwesend ist – auch wenn der Zuschauer dies nicht immer bemerkt.

Wo beginnt Kunst und wo ist eine Grenze erreicht? Das Stück „Das Maß der Dinge“ beantwortet die Fragen nicht abschließend. Gut so, denn Theater sollte Fragen stellen und den Zuschauer in die Verantwortung nehmen, sie sich selbst zu beantworten. Dass dies in diesem Fall hervorragend gelingt, ist nicht zuletzt dem stringenten Bühnenraum (Hanna Schneider), der Raum- und Videoinstallation (Hanna Schneider & Hanno Endres) und der Regie Konrad Hallers zu verdanken.

Weitere Spieltermine in Münster

Ich möchte den Clou der letzten Szene natürlich nicht verraten. Nur so viel: Die Auflösung ist überraschend und gleichzeitig folgerichtig. Die eigentliche Frage lautet nämlich: Sind wir nicht alle ein bisschen wie Adam und Eve? Wer kann sich von Statusdenken, Selbstoptimierungswünschen und der Sehnsucht nach Seelenverwandtschaft schließlich vollkommen freimachen?

Weitere Termine: 17. und 18. Juni 2016 um 20.00 Uhr
Ort: Titanickhalle am Hawerkamp

Vielen Dank für die Bereitstellung der Bilder an den Fotografen Hanno Endres.

 

 

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