Relevanz, Baby!

Nicht alles, was Aufmerksamkeit erzeugt, ist relevant. Doch alles, was relevant ist, hat Aufmerksamkeit verdient. Wie unterscheidest du das eine vom anderen? Und was hat das alles mit Blogs zu tun? Meike Leopold hat auf start:talking zu einer Blogparade aufgerufen: „Das Blog – ein Medium von gestern?“ Schon die Frage finde ich irreführend.

Zugegeben, Telegrafie hat sich überholt. Und auf Matrizen sowie Overhead-Projektoren verzichte ich bei Vorträgen schon länger. Ja, manche Medien sind von gestern und von der Bildfläche verschwunden, das stimmt. Bei Blogs ist das allerdings nicht der Fall. Und auch nicht alles, was es schon lange gibt, ist automatisch altbacken. Kommt es nicht vielmehr auf die Inhalte als auf das Medium als solches an?

Warum also ist die Frage relevant, ob Blogs noch zeitgemäß sind? Und für wen, aus welcher Perspektive? Ich nehme hier eine persönliche ein. Die hat mit Sendungsbewusstsein zu tun, mit überzeugender Kommunikation und mit einem gelebten Community-Gedanken.

Gute Kommunikation ist relevant

In seinem Buch „Relevanz – was warum wann für wen wichtig wird“ bringt René Borbonus, Spezialist für Rhetorik und Kommunikation, es auf den Punkt: Relevanz ist Substanz mal Wirkung, lautet seine Formel. Was genau meint er damit? Zunächst einmal erscheint uns alles relevant, was unsere Aufmerksamkeit erregt. So kommt es vor, dass unsere Wahrnehmung und das, was wir für wahr halten, häufig stark von der Realität abweicht. In vielen Fällen, so Borbonus‘ These, nehmen wir die Realität sogar schlechter wahr, als sie tatsächlich ist.

Neuerdings – damit ist das Clickbait-Zeitalter gemeint – haben News aus Sicht zahlreicher Medienvertreter erst dann einen gewissen Nachrichtenwert, wenn sie uns mit negativen Schlagzeilen triggern. So erscheint uns beispielsweise in der abendlichen Tagesschau die Meldung über einen Flugzeugabsturz bedeutsam, selbst wenn wir keinen der Menschen kennen, die durch ihn ums Leben gekommen sind. Und selbst wenn wir keine negativen politischen Folgen im Nachgang des Ereignisses zu befürchten haben.

Die meisten Flugzeuge landen unspektakulär und sicher. In dem Augenblick, in dem wir die Meldung konsumieren, tritt diese Erkenntnis in den Hintergrund. Ist die Nachricht aber deswegen automatisch relevant? Wirkungsvoll ist sie, ganz sicher, zumindest wenn sie nur emotional genug aufbereitet wurde. Substanz hat der Bericht hinter der Schlagzeile nicht unbedingt. Und einen konkret messbaren Einfluss auf unser Leben noch seltener.

„Wenn Informationen immer und überall verfügbar sind, besteht die Kunst nicht mehr darin, Informationen zu finden, sondern sie zu filtern, zu evaluieren, einzuordnen und auch kritisch zu hinterfragen“, schreibt Maren Urner in ihrem Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“, in dem sie sich mit Wirkmechanismen von Journalismus auseinandersetzt. Bereits das Filtern fällt den meisten Menschen schwer.

Je mehr Negativität uns umgibt – sei es durch eine unausgewogene Gewichtung von Nachrichten oder deren starke Verkürzung und Vereinfachung – desto mehr erleben wir die Welt als negativ. Borbonus stellt fest: „Mit der Kontrolle über unsere Wahrnehmung verlieren wir auch die Kontrolle über unser Handeln.“ Er schreibt aber auch: „Wenn wir uns mehr Kontrolle darüber nehmen, was wann für wen wichtig wird und warum, erlangen wir auch mehr Kontrolle über unser Leben.“

Wer gut kommunizieren will, sollte sich mit dem Unterschied zwischen kurzfristigen emotionalen Triggern und relevanten Inhalten auseinandersetzen. Er ist entscheidend. Relevanz gepaart mit Emotion wirkt nachhaltig. Emotion ohne Relevanz wirkt kurzfristig zwar auch, auf Dauer allerdings oft nachteilig. Die Bindung ist mitunter toxisch. Das gilt aus meiner Sicht für jedes Medium, natürlich auch für Blogs.

Relevante Kommunikation ist wahrhaftig

Faktentreu und ausgewogen zu handeln, dies sind entscheidende Kriterien für gelungene Kommunikation aus Sicht des Experten René Borbonus. „Relevanz geht nicht ohne Fakten – Publicity schon“, schreibt er. Das erklärt, warum so viele wahrlich irrelevante News so eine enorme Reichweite erzielen. Und auch, warum faktenresistente Menschen von unbelegten Behauptungen ausgesprochen überzeugt sein können.

„Was wir relevant finden, entscheidet sich im Alltag oft nicht daran, was wir wissen – sondern daran, wem wir glauben“, heißt es bei Borbonus. Häufig seien Überzeugungen stark von der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft geprägt. Abkehr von den Behauptungen bedeutet somit in gewisser Weise auch Identitätsverlust: „Wir müssten ja den Konsens mit unserer Gemeinschaft riskieren, um sie zu hinterfragen“, so der Autor.

Wer nicht mehr vertraut, verliert das sichere Gefühl dafür, entscheiden zu können, was überhaupt relevant ist. Borbonus: „Wenn unsere Relevanzkonstruktion schwankt, macht uns das anfällig für Manipulation.“ Damit Kommunikation gelingen kann, braucht es die Bereitschaft, auch außerhalb der eigenen sozialen Blase zu kommunizieren. „Diese Bereitschaft lässt sich zum einen von Kindesbeinen an fördern und ist zum anderen eine Entscheidung, die jeder von uns jeden Tag aufs Neue treffen kann“, schreibt der Kommunikationsspezialist.

Fazit: Es schadet nicht, seine eigenen Überzeugungen dann und wann zu hinterfragen und zu reflektieren. Vor den alltäglichen Verzerrungen unseres Gehirns ist niemand gefeit. Ein regelmäßiger Faktencheck zählt zum Handwerkszeug von Medienschaffenden, die relevant sein wollen. Ein Synonym von Wahrhaftigkeit, verrät uns der Duden, ist schließlich Wahrheitsliebe.

Relevant wird wahrgenommen, wer wirkungsvoll kommuniziert

„Inhalte sind relevant – Inhalte mit Persönlichkeit sind relevanter“, schreibt Borbonus und verknüpft im Weiteren die beiden Ebenen der Publikums- und Nutzenorientierung. Zum einen gilt es zu bedenken, für wen du sprichst, schreibst, produzierst. Zum anderen, was der*demjenigen von Nutzen ist. Das kann konkretes Wissen sein, Inspiration, intelligente Unterhaltung. Context is queen.

Drei Tipps gibt der Autor jenen mit, die Relevanz erzeugen wollen:

  1. Sagen Sie, was den Menschen hilft.
  2. Sprechen Sie so, wie Sie sind.
  3. Verstellen Sie sich für nichts und niemanden.

Wesentlich für Borbonus auch die folgende Unterscheidung: „Es gibt Persönliches, das nicht zum Thema passt – aber es gibt kein Thema, das keine Persönlichkeit verträgt“, so der Kommunikationsexperte.

Unterm Strich können Blogs all das in meinen Augen leisten. Nicht alle tun dies immer überall. Wie bei jedem anderen Medium auch gibt es gute und schlechte Beispiele. Es gibt in diesem Sinne misslungene und gelungene Kommunikation. Punkten können vor allem die Blogs, die es sich erlauben, Persönlichkeit zu zeigen. Ganz gleich, ob als Privatperson oder als Unternehmenspersönlichkeit.

Blogs können Relevanz erzeugen und erlangen aus diesem Grund immer wieder meine Aufmerksamkeit. Sie bringen Menschen in Kontakt, die Inhalte größer denken und sich fernab bloßer Headline-Mentalität mit kurzfristig wirksamen Postings nicht zufriedengeben wollen. Die thematisch in die Tiefe gehen. Und sich auch untereinander vernetzen, wie diese Blogparade eindrucksvoll zeigt.

Ob dafür ein Blog das beste Mittel darstellt? Nun, zumindest ein sehr gutes. Ich persönlich möchte nicht darauf verzichten. Töfte Texte begleiten mich seit langem und sind Ausdruck meiner Persönlichkeit. Hier bestimme ich, was wert ist, kommuniziert zu werden. Zunächst, weil es mich selbst interessiert und ich das Medium nutze, um Themen auf meine Art zu reflektieren.

Natürlich freue ich mich, wenn es mir dann und wann gelingt, damit auch deine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Sind wir zwei deswegen von gestern? Ich denke nicht.

 

 

6 Kommentare

  1. Pingback: Das Blog - ein Medium von gestern? #Blogparade #liveloveblog

  2. Hi Edda,
    Ich nehme auch an der Blogparade teil und lese mich grade durch die Beiträge der Neuankömmlinge..
    ich finde es interessant, wenn jemand so wissenschaftlich an das Thema herangeht, wie Leser Inhalte für Relevant erachten. Für mich als „aus dem Bauch heraus-Blogger“ war immer der gesunde Menschenverstand ausreichend um zu erkennen was ist gut und was nicht – was wollen Leser lesen und was nicht, bzw. in WELCHER FORM wollen Sie manche Informationen lesen. Technische Informationen bringe ich tatsächlich eher sachlich rüber und versuche die Sätze kurz zu halten um den Leser bei längeren Texten nicht zu überforderen – bei anderen Themen dagegen, können durchaus schon mal Bandwurmsätze und sehr satirische Texte von mir designt werden. Manche ernste Themen schluckt der Mensch besser wenn er dabei lacht.
    So wie ich deine Vitae lese bist Du ja eher ein Wort-Künstler – dagegen kann ich schreiberisch natürlich nicht „anstinken“…Ich bin mehr so ein Enfant Terrible der deutschen Sprache..
    So genug gesabbelt – ich muss noch mehr Blogs verkasematuckeln..
    CU
    Peter

    • Hi Peter,
      danke für deinen Kommentar. Interessant, dass es der Begriff „wissenschaftlich“ ist, den du hier dem gesunden Menschenverstand gegenüberstellst – und die Wissenschaft dabei fast ein wenig ins Abseits stellst. Absicht?
      Die Wissenschaften (Soziologie, Psychologie, Wirtschaftswissenschaften) sind es ja, die uns immer mal wieder vor Augen führen, dass der sogenannte gesunde Menschenverstand durch sehr viele unterschiedliche Faktoren beeinflusst wird. Und dass unsere vermeintlich logischen Herangehensweisen oft zwar psychologisch erklärbar, aber nicht unbedingt rational sind.
      Auch Verschwörungstheoeretiker*innen beziehen sich immer wieder auf ihren Menschenverstand und ihre vermeintliche Logik.
      Mich interessieren die Mechanismen dahinter. Zum einen um all das zu verstehen, was mir im ersten Moment unverständlich scheint. Zum anderen auch, weil ich immer wieder viel über mich und meinen Menschenverstand lerne. Wie er funktioniert, wie er Prioritäten setzt, wie er Entscheidungen trifft.
      Ich bin aber auch überzeugt davon, dass eine gute Intuition ebenso zu guten Ergebnissen kommen kann. Insofern schreibe ich häufig wie du auch einfach aus dem Bauch heraus und verlasse mich dabei ebenso auf mein Gefühl. Ist manchmal nicht die schlechteste Herangehensweise – und zeigt ja auch unsere Persönlichkeit. Insofern schließt sich der Kreis. 🙂
      Liebe Grüße und viel Freude beim durchforsten der Blogparade!
      Edda

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