Trauer und Abschied

Sigrid Schnegelsiepen-Sengül

Sigrid Schnegelsiepen-Sengül (1943-2019)

Wie gut erinnere ich mich noch an den Tag, als Schnuckel und ich durch die Gänge der Klinik fegten. Sie im Rollstuhl, ich Ton angebend an den Griffen hinter ihr. Vor allem die Verbindung zwischen den beiden Hauptgebäuden ließ uns richtig Fahrt aufnehmen, hier standen uns mindestens 20 Meter am Stück und ohne Zwischentüren zur Verfügung. Abwechselnd schrie Schnuckel, ich solle anhalten, dann wieder brach sie in schallendes Gelächter aus. Diese unbändige Freude werde ich nie vergessen.

Schnuckel war schrill, oftmals schräg, bisweilen aufbrausend, aber immer pur. Sie konnte sich nicht verstellen. In den Rollen, in denen ich sie erleben durfte, spielte sie leidenschaftlich, aber irgendwie auch immer sich selbst. Als sie vor Jahren in der Klinik lag, weil sie neue Hüftgelenke bekam, erlebte ich Seiten an ihr, die wohl kaum jemand im Theaterzirkus je erlebt hatte. Sie lag im weißen Nachthemd und mit offenem, schwarz gefärbtem Haar im Krankenbett und sah einfach nur verloren aus, ängstlich, hilflos. Sie mochte es nicht, Schwäche zu zeigen, aber die Belehrung der Ärztin verstand sie nicht. Wie bei einem Kind weiteten sich die Augen vor Schreck im Angesicht der drohenden, wenn auch unwahrscheinlichen Komplikationen.

Erst als ich einen Witz darüber machte, dass wir wirklich beängstigend auf sie wirken mussten, die wir uns da alle um sie herum versammelt hatten, wie ein Himmelfahrtskommando, entspannte sich die Lage. Man hatte mich dazu gebeten, weil sie schon seit mehreren Tagen die Unterschrift verweigert hatte. Nun endlich setzte sie ihren Namen auf das Dokument und gab ihr Einverständnis zur OP. Und als ob sie es geahnt hätte, setzte während des Eingriffs mehrfach ihr Herz aus. Doch sie war auch zäh, kam wieder zu Bewusstsein, weinte bitterlich, doch ertrug die Zeit bis zur Genesung, kämpfte sich durch die Reha. Und kam schließlich wieder auf die Beine.

Nun war sie wieder ganz die Alte. Regelmäßig besuchte sie Cafés und nahm den ganzen Raum für sich ein. Das mochte manchem auf die Nerven gehen, aber so war sie eben. Im Theater brachte sie selbst im Rentenalter noch die Wände der Proberäume zum Wackeln. (Als wir uns kennenlernten, hatte sie die 60 bereits überschritten.) Viele Kollegen suchten das Weite, wenn sie nach ihren Gesangseinlagen in der Theaterkantine einkehrte. Nur wenige hatten die Geduld, sich die alten Geschichten immer wieder anzuhören. Von ihren Liebhabern, dem schwerreichen Ehemann, der ihr Pelze und Geschmeide gönnte, aber keine Gesangskarriere. Von pompösen Filmen, die sie gedreht hatte. (Tatsächlich handelte es sich anfangs um einfache Serienrollen im Sat1-Vorabendprogramm, die ihr mit heißer Nadel auf den Leib geschrieben worden waren.) Von Rollenangeboten diverser Intendanten in jüngster Vergangenheit, die aus irgendeinem Grund stets im Sande verliefen …

Sie hatte mich gebeten, ihr zu helfen, ein Konzert zu organisieren, denn ihr war nicht bewusst, wie die Zeit in all den Jahren an ihrer Stimme genagt hatte. (In ihren Ohren klang sie noch immer wie die junge Turandot oder dramatisch wie Aida vor den Pyramiden.) Die Bitte musste ich ausschlagen, doch ich hatte eine andere Idee und schickte ihre Unterlagen zu verschiedenen Castern. Mit Erfolg. In der Folgezeit war Schnuckel beschäftigt und fuhr regelmäßig für einzelne Drehtage nach Köln. Eines Tages folgte ein besseres Angebot und sie stieg zum Hauptcast einer Scripted-Reality-Serie auf. Mehr als sechs Monate flog sie regelmäßig nach Berlin und genoss es, im Hotel und am Set umsorgt zu werden. Den großen Ruhm bedeutete das zwar nicht, aber hier wurde sie wegen ihres Soseins geschätzt und bekam Aufmerksamkeit, nach der sie sich so sehnte.

Ihren größten Fernseherfolg schließlich verdankte sie einem Youtube-Video, das ein Mitarbeiter eines Münsterschen Lokalformates im Theater gedreht und anschließend hochgeladen hatte. Zufällig hatte der Regisseur und Produzent Axel Ranisch das Filmchen gesehen. Fortan hegte er den Plan, mit dieser Frau arbeiten zu wollen, und nahm über eine Casting-Firma Kontakt zu uns auf. Wieder folgte ein Vorsprechen, diesmal in Berlin. Das Drehbuch hatte Ranisch Schnuckel (wieder einmal) auf den Leib geschrieben. Es hieß „Familie Lotzmann auf den Barrikaden“. Ich setzte Schnuckel in meine kleine Skoda-Dame und wir fuhren in die Hauptstadt herüber. In Ranischs Wohnzimmer erwarteten uns neben ihm die Schauspielgrößen Ercan Durmaz und Gudrun Ritter. Später im Film würde auch Gisela Schneeberger Seite an Seite mit Schnuckel spielen.

Unsere Diva – in ein knallrotes Kostüm gehüllt, die schwarz gefärbten Haare dramatisch auf toupiert, Hände und Dekolleté mit Schmuck behängt – gab eine Gesangseinlage und hämmerte (man kann es nicht anders sagen) klanggewaltig Rachmaninow ins bereitstehende Klavier. Sie war Feuer und Flamme und flirtete bei den improvisierten Szenen mit voller Hingabe. Auf der Rückfahrt war sie kaum zu stoppen. Immer wieder ließ sie die gerade erlebten Szenen lebendig werden, als könne sie sie nur durch wiederholtes Erzählen im Gedächtnis behalten.

Der Dreh fiel in eine Zeit, in der ich beruflich an anderer Stelle extrem eingespannt war. Wenig später stellte ich die ersten Anzeichen für ihren Persönlichkeitswandel fest. Sie redete zunehmend wirr und benahm sich feindselig. Damals konnte ich es nicht einordnen. Vermutlich aber waren das die ersten Vorboten einer Krankheit, von der sie schließlich nicht mehr genesen sollte. Dass der Lotzmann-Film in diesem Jahr einen Grimme-Preis erhalten hat, wird sie nicht mehr mitbekommen haben.

Es macht mich traurig, wie einsam sie ihre letzte Reise antreten musste. Trost spendet mir der Gedanke, dass ihre beste Freundin bis zum Schluss an ihrer Seite war. (Danke, Lucy!) Es tröstet mich auch, dass sie sich selbst in der Krankheit und in der Pflegeeinrichtung treu blieb und sich stets das Beste zurecht fantasierte, was ihr passieren konnte: Sie glaubte, im Hotel zu sein und jederzeit wieder ins Rampenlicht treten zu können.

Am 28. August hat sich der Vorhang allerdings für immer geschlossen: O amica mia, mai più ti rivedrò!

Ruhe in Frieden, liebe Freundin. Ich werde dich vermissen.

 

 

 

 

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