Digitales auf der Frankfurter Buchmesse – #fbm16

Die Frankfurter Buchmesse ist ein Paradies für Freunde des Printmediums Buch, doch auch die zunehmende Digitalisierung in der Branche war in diesem Jahr an vielen Ecken spürbar. Nicht nur neue Vermarktungsmodelle für Bücher und Software für Autoren und Buchhändler wurden vorgestellt, auch die Produktwelt ist im Wandel. Und damit ist nicht nur die Übertragung der Printinhalte in digitale Formate wie E-Books gemeint. Zwei Tage lang habe ich mich über das Messegelände in Frankfurt treiben lassen. Hier ein paar Eindrücke von meinem Rundgang.

Ist Deutschland noch zu retten?

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Von links: Tobias Kollmann, Sascha Lobo und Holger Schmidt. (Foto: ek 2016)

Hat Deutschland die digitale Transformation verschlafen? Und sind die Versäumnisse der Vergangenheit überhaupt noch aufzuholen? In ihrem Buch „Deutschland 4.0 – Wie die Digitale Transformation gelingt“ widmen sich Tobias Kollmann und Holger Schmidt eben diesen Fragen. Im Gespräch mit Sascha Lobo stellten sie das Werk den Fachmessebesuchern am Donnerstag, 20. Oktober, vor. Schmidts Fazit klingt ernüchternd, auf seinem Blog „Netzökonom“ beschäftigt er sich schon lange eingehend mit der Thematik. „Deutschland hat viele Online-Märkte aus der Hand gegeben. Da haben wir keinen guten Job gemacht“, sagt er.

Doch er macht auch Hoffnung: Zwar stehe die Bundesrepublik aktuell im Ranking um die Bandbreitengeschwindigkeit nur auf Platz 24, „kurz vor Thailand und hinter Rumänien“, doch bestehe die Chance, den Rückstand wieder aufzuholen. In der Industrie ein ähnliches Bild: „Wir haben in den Konsumentenmärkten verloren, also müssen wir unsere Stärken in anderen Märkten ausspielen“, so Schmidt. Politische Entscheidungen und unternehmerische Kreativität sind gefragt.

Dass im Buch die digitale Bildung immer wieder eine wesentliche Rolle spielt, betonte Lobo schon zu Beginn des Gespräches, „aufdringlich oft“ und in fast jedem Kapitel komme sie zur Sprache. Die Autoren sind überzeugt davon, dass Bildung der zentrale Schlüssel ist, damit die digitale Transformation gelingen kann: „Im Moment findet Digitalkunde auf dem Schulhof und nicht in den Klassenzimmern statt“, stellt Kollmann fest. Dabei sei es wichtig zu vermitteln, welche Risiken, vor allem aber welche Chancen in der Digitalisierung lägen: „Digitalkunde muss ein Chancenfach werden!“

Audibles Lesen mit Text und Ton

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Benedikt Sailer (links) und Grischa Kursawe (rechts) stellten den Fachbesuchern ihren Prototypen für audibles Lesen vor. (Foto: ek 2016)

Ein Gedanke, den Benedikt Sailer, Grischa Kursawe und David Hill mit ihrem Start-up „Audible Reading“ verfolgen. Den Prototypen ihres Hör-Lesebuches konnten Fachbesucher in Halle 3 bewundern – und auch gleich ausprobieren. Den Blick auf ein Tablet geheftet und mit voluminösen Kopfhörern ausgestattet folgten sie zwei Beispieltexten, die durch Sounds erweitert wurden. Die Grundidee ist einfach: Texte und Sounddesign sollen miteinander verbunden werden, allerdings nicht wie bei einem Hörbuch, sondern so, dass sich beides dem Leseverhalten des Nutzers anpasst.

Möglich macht dies die Eyetracking-Technologie, bei der eine Tracking-Einheit mit drei Infrarotkameras die Augenbewegung des Lesers verfolgt und nach vorgegebenen Parametern darauf reagiert. So blättert das E-Book automatisch weiter, wenn der Blick am Ende der Seite angelangt ist. Sounds, die zu bestimmten Sinneinheiten im Text hinterlegt sind, werden dann hörbar, sobald die entsprechende Stelle in der Geschichte erreicht ist. Der Lesevorgang wird auf diese Weise zu einem interaktiven Abenteuer.

Ganz ausgereift ist die Umsetzung noch nicht, doch Sailer, Kursawe und Hill nutzten die Gunst der Stunde auf der Messe, um die Schwachstellen ihrer Entwicklung auszumachen. Sie befragten die Besucher nach ihren Eindrücken und verteilten Auswertungsbögen. Chancen sieht Sailer vor allem bei der Gestaltung von Kinderbüchern und dem Lernen von Fremdsprachen, da das audible Lesen gleich mehrere Sinne anspreche und daher ein vollkommen neues Leseerlebnis biete. „Wir verfolgen einen didaktischen Ansatz. Das Tracking kann auch abgestellt werden und Kinder können mit dem Finger auf der Zeile lesen, so wie sie es tun, wenn sie gerade lesen lernen“, sagt er. Gut möglich, dass Lesemuffel auf diese spielerische Weise irgendwann tatsächlich für Bücher zu begeistern sind.

Die Welt entdecken am digitalen Globus

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Mit dem „Entdeckerstift“ können die digitalen Informationen vom Globus abgerufen werden. (Foto: ek 2016)

Eine Brücke zwischen der digitalen und der haptischen Welt schlägt Torsten Oestergaard, Geschäftsführer von dem Globushersteller Columbus. Seit vier Generationen vertreibt die Columbus Verlag Paul Oestergaard GmbH mundgeblasene Globen. In diesem Jahr stellte das Unternehmen auf der Buchmesse eine bemerkenswerte Neuheit vor: Weltkugeln mit digitaler Oberfläche.

Das Prinzip funktioniert folgendermaßen: Auf den handwerklich aufkaschierten Globussegmenten sind Benchmarks eingearbeitet, die über einen digitalen Stift – den sogenannten „Entdeckerstift“ – mit einer App verbunden werden können. Tippt man mit der Spitze des Stiftes auf ein Land und hat zuvor eine Kategorie ausgewählt, zum Beispiel Video, startet die App nun einen Film mit Bildern und Hintergrundinformationen zu der Region. Audio-Dateien sind ebenfalls über die App abrufbar.

Wie Columbus einst die Welt entdeckte, können Lernbegeisterte über die digitale Schnittstelle geografisches Wissen und kulturelle Eindrücke sammeln. Die Gestaltung der Globen ist dabei sehr unterschiedlich: Vom kleinen Standard-Modell ab 130 Euro über historische Varianten bis hin zu edlen Schmuck-Globen mit Swarowski-Kristallen oder Besonderheiten im Wert von mehreren tausend Euro mit einem Durchmesser von 100 Zentimetern auf einem Holzgestühl aus massivem Nussbaumholz präsentierte Oestergaard eine ganze Reihe von Varianten.

Mich hat das System überzeugt, bis jedoch unsere Schulen übergreifend solch interaktive Lernsysteme einsetzen, wird sicher noch eine ganze Weile vergehen.

Web- und Selfpublisher – Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Mit einer interessanten Gesprächsrunde schloss ich meinen diesjährigen Besuch der Buchmesse im Orbanism Space ab. Beim Orbanism Space handelt es sich um einen Ort, den Leander Wattig und Christiane Frohmann ins Leben gerufen haben, um einen „Digitaltreffpunkt“ für die Buchbranche zu schaffen. Laufend finden hier Panels und Sessions zu digitalen Themen statt. Am Donnerstag um 16 Uhr trafen die Webpublisher Vreni Frost, Sascha Lobo und Jörg Nicht auf die Selfpublisher Poppy J. Anderson und David Gray.

Als Unterscheidungsmerkmal arbeitete die Runde das Folgende heraus: Während Selfpublisher Produkte produzieren, werden Webpublisher nicht als Produzenten von Produkten wahrgenommen, sondern verdienen ihr Geld zumeist an anderer Stelle. Das Publishing nutzen sie im weitesten Sinne als Content Marketing für ihre Angebote. So werde er häufig als Fotograf angefragt, erzählte Instagramer Nicht, Lobo lebe von Engagements als Speaker und Frost bekomme ebenfalls Aufträge, WEIL sie blogge, nicht aber unbedingt als Bloggerin.

„Wir sind die, die sich mit Reichweite auskennen. Ihr seid die, die ein Produkt anbieten. Bringen wir das doch mal zusammen“, forderte Lobo. Eine Lösung, wie beides zu vereinen wäre, hatte das Plenum zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Ein weiteres Thema auf dem Podium: Authentizität. Ein Scheinwort, da waren sich alle einig, denn: „Man kann in Medien überhaupt nicht authentisch sein!“ (Lobo) Sie habe im Netz eine Art „Schutzpersönlichkeit“ angenommen, erzählte Frost.

Letztlich spiele jeder im Netz eine Rolle. Lobo brachte es auf den Punkt: „Wir können nur den Anschein erwecken, authentisch zu sein. Für mich ist das ein verkapptes Wort für Sympathie, für eine nicht zu durchsichtig gespielte Rolle.“

Netzwerken, netzwerken, netzwerken …

Wie zu erwarten war, spielte das Thema Digitalisierung auf der Buchmesse also eine große Rolle. Mein persönliches Fazit: Ich freue mich über die zunehmende Offenheit der Buchmessebesucher und -aussteller, sich mit den Möglichkeiten der digitalen Transformation auseinanderzusetzen. Gleichwohl glaube ich nicht, dass digitale Medien das Buch und andere Printmedien vollkommen ersetzen werden. Im Gegenteil, die Wertigkeit des Printerzeugnisses ist vielen nach wie vor bewusst. Bei aller Sorge um vorhandene Geschäftsmodelle lohnt es sich, im Sinne von Tobias Kollmann und Holger Schmidt die Veränderungen als Chance zu ergreifen und sich den Herausforderungen zu stellen, die die Digitalisierung mit sich bringt.

Und dann gab es da natürlich noch ganz viele Lesungen, Events und Netzwerktreffen, die ich besuchte. Um die Zeit sinnvoll nutzen zu können und mich nicht abzuhetzen, habe ich mich auf eine übersichtliche Zahl von Terminen beschränkt. Ein paar Eindrücke (und Buchtipps!) von der Messe, die ich sonst noch gesammelt habe, seht ihr hier:

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Carolin Emcke erhält in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sie stellte auf dem blauen Sofa ihr neues Buch „Gegen den Hass“ vor. (Foto: ek 2016)

 

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Nachdem ich im Februar/März dieses Jahres mit dem Theaterensemble Kollektiv.Körper.Fest in Münster einen Text von Connie Palmen inszenieren durfte, freute ich mich natürlich sehr, die Autorin jetzt auch live erleben zu können. Sie las aus „Du sagst es“. (Foto: ek 2016)

 

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Gewohnt launig plauderte Eckart von Hirschhausen über das Leben, er sprach über Placeboeffekte und medizinische Wunder – passend zum neuen Buch „Wunder wirken Wunder“. (Foto: ek 2016)

Titelbild: Marc Jacquemin / Frankfurter Buchmesse 2016

 

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