Die Schroffensteins am Borchert-Theater

Dass das Borchert-Theater nicht experimentierfreudig wäre, kann man Intendant Meinhard Zanger, Regisseurin und Dramaturgin Tanja Weidner und dem Ensemble nun wirklich nicht vorwerfen. Mit „Die Schroffensteins – eine Familienschlacht“ wagen sie sich an Heinrich von Kleists erstaunlich modernen Erstling und bringen ihn als zweisprachiges Narrenspiel auf die Bühne – mit russischen und deutschen Schauspielern.

Schauspiel mit deutschen Untertiteln

Die Herrschaft im Hause Rossnitz: Rupert, Graf von Schroffenstein (Alexandr Zaitcev) und seine Gemahlin Eustache (Marina Myasnikowa).

Zugegeben, es ist anstrengend. Geübte Operngänger sind es gewohnt, ihre Aufmerksamkeit zwischen der Musik, dem Bühnengeschehen und projiziertem Text (meist am oberen Bühnenrand) aufteilen zu müssen. Im Sprechtheater vertrauen wir darauf, dass wir stets hören, was geschieht und was die Figuren bewegt. In der Weidnerschen Inszenierung müssen sich Zuschauer oft genug entscheiden: auf dem Bildschirm mitlesen oder dem Spiel folgen, da nützen auch die ausgeteilten Zettel nichts, auf denen der Verlauf der Szenen mit wenigen Worten zusammengefasst ist.

Wer sich jedoch einlässt auf das Spiel, erlebt ein intensives Auf und Ab der Gefühle und hervorragende Schauspielkunst. Wie die Oper arbeitet auch Weidner mit Ton – allerdings mit einem Sounddesign, das das Geschehen wie eine surreale Filmmusik begleitet. Auf karger Bühne, die mit verschiebbaren Wandelementen ausgestattet ist (Bühnenbild und Kostüm: Olga Lageda), sind die Figuren ihren Sehnsüchten, aber auch zerstörerischen Rachegefühlen vollkommen ausgeliefert.

Die Sprache der Sprachlosigkeit

Die beiden Liebenden Agnes (Alice Zikeli) und Ottokar (Arsenij).

Die Handlung des Kleistschen Werkes kurz zusammengefasst: Die Familie von Schroffenstein ist seit langer Zeit entzweit und lebt getrennt in ihren Stammsitzen Rossitz und Warwand. Ein Erbvertrag bindet sie aneinander, der besagt, dass ein Zweig das Erbe des anderen antritt, sobald dieser ausstirbt. Ein Umstand, der zu großem Misstrauen führt, was nachweislich den Blick verengt. Als sein jüngster Spross Peter tot aufgefunden wird, steht für den Grafen Rupert von Schroffenstein (Alexandr Zaitcev) der Schuldige fest: Graf Sylvester von Schroffenstein (Meinhard Zanger). Die Tragödie nimmt ihren Lauf.

Interessant ist es nun zu sehen, welchen intellektuellen Zugriff Weidner wagt, um den Konflikt der Familienzweige szenisch auf die Spitze zu treiben: Das Haus des Grafen Rupert spricht Russisch, das verfeindete des Grafen Sylvester die deutsche Sprache. Eine Symbolik, die nicht nur die tiefe Zerrissenheit der Familie, sondern gleichwohl auch ihre Unfähigkeit entblößt, miteinander ins Gespräch zu kommen. Einzig eine andere Sprache, die der Liebe zwischen Sylvesters Tochter Agnes (Alice Zikeli) und Ruperts Sohn Ottokar (Arsenij Kudrja), vermag die über Generationen gewachsenen Mauern zu überwinden.

Blinde Wut und Unversöhnlichkeit

Graf Rupert rückt seinem Untergebenen Santing (Andrej Blazhilin) auf die Pelle.

Doch ist das nicht alles. Auch schauspielerisch verlässt Weidner die ausgetretenen Pfade der  gefühlsduselnden Tragödie. Clownesk und marionettengleich treiben die Figuren die Handlung voran. Sie stehen, so wirkt es, weder mit sich noch mit anderen in Beziehung. Im taktischen Ringen um die Oberhand ziehen die Familienoberhäupter ihre Fäden, instrumentalisieren ihre Untergebenen. Naiv von der Jugend zu glauben, dass sie solch verkrustete Strukturen wird aufbrechen können. Ein Narrenspiel, das den Zuschauern aufzeigt, wohin blinde Wut und Unversöhnlichkeit am Ende führen kann.

Es ist nur konsequent im Sinne der Kleistschen Weltanschauung, dass es die Väter sind, die einer friedlichen Zukunft, in der beide Familienzweige vereint sein könnten, von Hass getrieben ihren jeweils eigenen Kindern den Garaus machen. Die Folge einer Verwechslung. Als sie ihren Irrtum bemerken, ist es zu spät. Die Kinder sind tot. Wo es im Schauspielführer heißt: „Beide versöhnen sich wieder miteinander“, brechen Rupert und Sylvester neben ihren ermordeten Sprösslingen auf der Borchert-Bühne in irrwitziges Lachen aus. Eine Wendung, die in ihrer Drastik dem Kleistschen Geiste durchaus angemessen scheint.

Fazit und Termine

Für zahlreiche Lacher sorgen Florian Bender (links, als Barnabe) und Andrej Blazhilin (Ursula).

Einen herzlichen Szenenapplaus erhielten bei meinem Besuch Florian Bender und Andrej Blazhilin als schräges Tochter-Mutter-Gespann Barnabe und Ursula, die schließlich in der Schlussszene auch den tragischen Auslöser der Handlung, den Tod des kleinen Peter, als Unfall aufklären.

Mein Fazit: Wer sich entspannt zurücklehnen möchte, um berieselt zu werden, ist bei den Schroffensteins im Borchert-Theater falsch. Für Zuschauer aber, die Experimenten aufgeschlossen sind, kann ich einen Besuch der Vorstellung nur empfehlen.

Die nächsten Termine sind am Freitag, 10.11.2017, Samstag, 11.11.2017, Sonntag, 12.11.2017, Samstag, 16.12.2017, Sonntag, 17.12.2017. Weitere Infos und Termine findet ihr hier.

 

Fotos: Klaus Lefebvre / Wolfgang-Borchert-Theater 2017

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