Theatertipp: Wunschkinder am Borchert-Theater

Wenn Kinder nicht den Erwartungen ihrer Eltern entsprechen, geraten beide schnell an ihre Grenzen. Im Schauspiel „Wunschkinder“, das derzeit in Münster am Wolfgang-Borchert-Theater zu sehen ist, fallen viele Worte – doch kaum eines kommt beim jeweils anderen an.

Seit einem halben Jahr macht Marc (Johannes Langer) gerade mal nichts und liegt seinen Eltern Bettine und Gerd (Monika Hess-Zanger & Jürgen Lorenzen) gepflegt auf der Tasche. Erst als er Selma (Rosane Cleve) kennenlernt, geht der Junge endlich aus dem Haus. Sie engagiert sich in der Flüchtlingsarbeit und nimmt ihn zu Veranstaltungen mit. Eine Idee von seiner eigenen Zukunft hat Marc deswegen noch lange nicht.

Überforderung auf der ganzen Linie

Vater und Sohn alias Jürgen Lorenzen (rechts) und Johannes Langer.

Selma, die auf den ersten Metern sehr erwachsen und selbstsicher auftritt, sorgt sich daheim um ihre psychisch kranke Mutter Heidrun (Jessica Walther-Gabory). Marc, der ziellos durch das Leben wandelt, ist vom ersten Augenblick an von Selma fasziniert. Sie werden ein Paar. Als Selma schwanger wird, zieht er sich zunächst überfordert zurück. Dann überschlagen sich die Ereignisse – und seine Eltern schmieden Pläne.

Um sie nicht zu belasten, erzählt Selma ihrer Mutter zunächst nichts von dem Problem. Das übernimmt ungefragt das Duo Bettine und Gerd, das – pragmatisch helikopternd – für jede Lebenslage die passende Lösung herbeiredet. Zugehört wird in beiden Familien eher selten. Daran kann auch die kumpelhafte Tante Katrin (Andrea Jolly) nichts ändern, die ihrem Neffen Marc zur Seite steht.

Wenn das Pubertier leise daddelt

Selma (Rosana Cleve, rechts) mit ihrer Mutter Heidrun (Jessica Walther-Gabory).

Lutz Hübner und Sarah Nemitz zählen zu den meistgespielten Gegenwartsautoren auf deutschen Bühnen. Ein wenig klischeehaft ist es schon, wie sie ins Geschehen einsteigen: Der 19-jährige Sohn Marc sitzt auf dem Bett und daddelt, während Papa Gerd, 57 und Krawattentyp, ihm den Ernst des Lebens eintrichtern will.

„Kannst du das Ding mal weglegen!“, fordert der Vater. Widerwillig legt Marc sein Tablet zur Seite, um nur wenige Repliken später ein Smartphone aus der Hosentasche zu kramen. Während das Kommunikationsdefizit zwischen den Generationen hier noch als typisches Pubertätsgeplänkel daherkommt, geht es im Laufe des Stückes immer tiefer.

Spiel mit großer Leichtigkeit

Überforderte Eltern: Die Ratschläge der Tante (Andrea Jolly, links) kommen nicht immer gut bei Gerd (Jürgen Lorenzen) und Bettine (Monika Hess-Zanger) an.

Es bestehen beinahe unüberwindliche Gräben zwischen den Akteuren. Ein Umstand, der umso bedrückender ist, da das Bühnenbild (Bühne & Kostüme: Annette Wolf) ihnen kaum Raum gibt, um auszuweichen oder sich abzugrenzen. Wie gut, dass Hübner/Nemitz mit ihren Dialogen regelmäßig das Humorzentrum kitzeln. Wie gut auch, dass das Ensemble es versteht, trotz der thematischen Schwere mit großer Leichtigkeit aufzuspielen.

Bettine und Gerd, Vertreter der strebsamen und verantwortungsbewussten Generation X, haben Marc ein solides Umfeld geboten, ihn behütet und – so gut wie möglich – vor Unbill bewahrt. Nun sitzt das Ergebnis dieser Helikopter-Erziehung zu Hause und bekommt – mit Verlaub – den Arsch nicht hoch. Die Eltern, die manchmal selbst naiv-kindlich scheinen und einfach nicht loslassen können, finden keinen Zugang zum Sohnemann.

Wer kümmert sich hier eigentlich um wen?

Die familiäre Eintracht trügt.

Selma, gefangen in ihrer Rolle in der Mutter-Tochter-Umkehr, sucht nach Halt und kann gleichzeitig kaum Nähe zu Marc zulassen. Obgleich sie versucht hat, ihrer Mutter nicht nachzueifern, die selbst sehr früh und ungewollt schwanger wurde, wiederholt sich die Geschichte nun scheinbar. In letzter Minute entschied sich Heidrun damals für das Kind. Finanziell auf die Beine kam sie nie und psychisch ist sie am Ende.

Entsprechend schwer lastet nun die Verantwortung auf der nächsten Generation. Selma soll es besser haben und bitte auch besser machen. Doch obgleich Marc und sie bestrebt sind, selber eine Lösung für ihr Dilemma zu finden, lassen die übereifrigen Älteren ihnen kaum eine Chance, eigene Entscheidungen zu treffen, geschweige denn überhaupt mal einen klaren Kopf zu bekommen.

Erdrückende Erwartungen

Der Begriff Wunschkinder ist also durchaus auf zwei Arten zu verstehen: Sie sind erwünscht und der geliebte Mittelpunkt im Leben ihrer Eltern, doch sie sollen sich auch bitte nach deren Vorstellungen entwickeln, also ihren Wünschen entsprechen. Eine fatale Mischung.

Regisseurin Kathrin Sievers nähert sich dem Stoff ohne Schnick-Schnack und setzt auf schnörkellose Dialoge, Situationskomik und treffsichere Pointen. Der Moment, als sich Selma und Marc am Ende des Stückes endlich wieder auf Augenhöhe begegnen, geht unter die Haut.

Ein unterhaltsamer Abend mit hohem Wiedererkennungsfaktor!

Weiter Spieltermine findet ihr auf der Website des Wolfgang-Borchert-Theaters.

 

Fotos: Klaus Lefebvre

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