Monolog „Am Boden“ am Borchert-Theater

Töten aus der Distanz, das UAV macht’s möglich. UAV steht für „unmanned aerial vehicle“, zu deutsch: Unbemanntes Luftfahrzeug. Als verlängerter Arm einer jungen Kampfpilotin der US Airforce in dem hochaktuellen Monolog „Am Boden (Grounded)“ wird es mittelbar zum Protagonisten. In bedrückend direkter Weise hat Meinhard Zanger den Text nun auf die Bühne des Wolfgang-Borchert-Theaters gebracht. In der Hauptrolle: eine furiose Hannah Sieh, die ihrem Publikum über eineinhalb Stunden lang kaum Zeit zum Durchatmen lässt.

Was für ein Trip! Dass dieses Stück kein Spaziergang ist, wird gleich zu Beginn deutlich. Hannah Sieh, sitzend auf einer Bühnenkonstruktion, die halb an ein Gefängnis, halb an einen Container erinnert, beginnt zu erzählen. Sie ist stolze Pilotin und sie liebt es, im Kampfeinsatz zu sein. „Allein in der Leere“, beschreibt sie das Gefühl, das sie überkommt, sobald sie sich in ihrem „Tiger“ in die Lüfte schwingt. „Man ist das Blau.“ Die Schrecken des Krieges? Verklärt in der patriotischen Überzeugung, das Richtige zu tun. Es gibt die Guten und es gibt die Bösen. Sie steht selbstverständlich auf der Seite der Helden.

Abschuss per Knopfdruck

Es dauert jedoch nicht lange, dann ist dieses Kapitel ihres Lebens beendet. Die Pilotin wird schwanger, heiratet und wird künftig an der Steuerung einer unbemannten Drohne eingesetzt. Was mit festen Arbeitszeiten, einem Arbeitsplatz in der amerikanischen Heimat und der unmittelbaren Nähe zu Mann und Kind als Nine-to-five-Job daher kommt, stellt ihren Alltag vollkommen auf den Kopf. Spürt sie nach anfänglicher Frustration über die scheinbare „Degradierung“ plötzlich Kampfgeist und schießt zum ersten Mal „Männer im wehrfähigen Alter“ per Knopfdruck ab, so entwickelt sie schon bald Symptome einer ernst zu nehmenden psychischen Belastung.

Die Dinge geraten aus dem Ruder, brutal schleudert es die Protagonistin auf den Boden der Realität. Dies ist kein Computerspiel, es sind echte Menschen, deren herum fliegende Körperteile durch die Kamera noch zweifelsfrei zu erkennen sind. Sie reflektiert es nicht, fühlt aber die Überforderung und gerät mehr und mehr in den Sog der entmenschlichten Tötungsmaschinerie hinein.

Reale Aussagen

Es ist noch nicht lange her, dass Militärärzte bei Drohnenpiloten erstmals Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) diagnostizierten. Autor George Brant nahm dies zum Anlass, das Schicksal einer dieser Pilotinnen in seinem Theatertext zu verarbeiten. 50 Prozent seines Stückes gingen auf reale Aussagen von Betroffenen zurück, sagt er. In der punktgenauen Inszenierung von Meinhard Zanger, der übrigens auch für Bühne und Kostüm verantwortlich zeichnet, erwacht der Monolog nun zum Leben.

Gewehrsalvengleich feuert Hannah Sieh den Text über die Rampe, wechselt präzise von der Erzählebene in die von der Figur zur Sekunde erlebten Realität. Stück für Stück weicht der Panzer auf, den sich die Pilotin im Kampfeinsatz übergestülpt hat und der sie doch nicht von innen heraus schützen kann. Je mehr sie sich bemüht, die Struktur ihrer Routine zu halten, desto stärker verschwimmt ihre Wahrnehmung, desto mehr schwindet auch die Distanz zum eigentlich weit entfernten Kriegsgebiet.

Digitales Modell

Maßgeblicher Aspekt in der Inszenierung ist auch die Lichtregie, bereichert durch Videoeinspielungen von Alexander Ourth. Ein eigens fürs Borchert-Theater etwickeltes digitales Modell der Drohne sowie Kamerabilder, die die Perspektive der Pilotin auf einige Bühnenelemente und die Rückwand zaubern, schaffen im abstrakten Raum klare Verortungen.

Nach eineinhalb Stunden Erstaunen im Saal: Die Zeit verging wie im Fluge. Eine grandiose Inszenierung, die zeigt, wie tief berührend und gleichzeitig hoch politisch Theater sein kann. Ansehen!

 

Titelfoto: Klaus Lefebvre

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