[Rezension] Comeback mit Backpack – Gitti Müller

Raus aus der Komfortzone! Das dachte sich die Autorin Gitti Müller und machte sich 2015 als Alleinreisende Frau auf den Weg nach Südamerika. Bereits 1980 hatte sie eine Tour auf den vielseitigen Kontinent unternommen. Damals, im Alter von 24 Jahren, besuchte sie unter anderem Nicaragua, Costa Rica, Peru und Brasilien. In ihrem Buch „Comeback mit Backpack“ berichtet Müller von beiden Reisen. Das macht Lust, selbst bald den Rucksack zu schultern und sich ins nächte Reiseabenteuer zu stürzen.

„Eines Morgens ist die Idee plötzlich da. Ich liege noch im Bett, gerade aufgewacht, die Haare wirr, die Lider schwer, und denke: Montevideo. (…) Hätte ich einen ganz normalen Job mit festen Arbeitszeiten, wäre ich ins Bad geeilt, hätte gedanklich meine To-do-Liste aktualisiert, dann einen starken Kaffee getrunken, und es wäre nicht mal der Ansatz einer Erinnerung daran geblieben. So aber halte ich die Augen geschlossen und sehe den Schriftzug Montevideo vor mir. Der nächste Gedanke ist: Da muss ich hin. Unbedingt!“

Mit diesen Worten beginnt Müllers Bericht. Sie ist Freiberuflerin und hat sich über die Jahre als Journalistin einen Namen gemacht, unter anderem arbeitet sie für den WDR und die ARD. Im Laufe der Zeit hat sich allerdings so etwas wie eine Alltagsroutine eingeschlichen. Da liegt der Gedanke nahe, ab und an auszubrechen.

Backpacktour mit Ende 50? Aber sowas von!

Aber hätte es nicht auch ein bequemer Pauschalurlaub oder eine interessante Kreuzfahrt getan? Macht frau das nicht eigentlich mit Ende 50? Mitnichten! Gitti Müller packt nicht nur – wie 1980 – einen Rucksack, sie macht sich auch noch allein auf die Socken, bucht ihre erste Unterkunft vor Ort modern über Airbnb und stürzt sich mitten ins Leben. Allen Zauderern und (Selbst-) Zweifeln zum Trotz.

Entstanden ist ein unterhaltsames Buch, das mit einigen Klischees über das Älterwerden gründlich aufräumt und die Vorzüge des unabhängigen Reisens in den Vordergrund stellt. Gespickt mit Erinnerungen aus den 80er-Jahren gewinnt die oben geschilderte Idee schnell an Substanz. Und schon ist Gitti Müller mittendrin in den Reisevorbereitungen.

Unterwegs mit kleinem Gepäck

Zunächst wird sie mit der Tatsache konfrontiert, dass sich auf dem Rucksackmarkt seit 1980 so einiges getan hat: „Guten Tag, ich hätte gern einen Rucksack“, fragt sie. Drauf der Verkäufer: „An was haben Sie denn gedacht?“ „Ja, also so ein Teil, das ich auf dem Rücken tragen kann, damit die Hände für andere Dinge frei sind.“

Was Müller nicht bedacht hat: Das Gewicht und das Volumen spielen eine Rolle, der Tragekomfort und wohl auch das Geschlecht des Trägers: „Herrenrucksäcke sind anders geschnitten“, weiß der Verkäufer. Wie gut, dass sich die Autorin nicht von der Fülle der Möglichkeiten abschrecken lässt.

Sie entscheidet sich für ein kleines, handliches Trekkingmodell und nimmt zudem einen kleinen Trolley als Handgepäck mit. Ganz nach dem Backpacker-Motto: „Was für drei Tage reicht, kann auch für drei Monate genug sein.“

Digital versus analog

Gesagt, getan. Diesmal führt sie ihre Reise nach Nicaragua, Costa Rica, Bolivien und Uruguay. Mit der gleichen Neugierde, dafür aber mehr Lebenserfahrung und einer Yogamatte ausgestattet, spürt die Autorin bekannten Pfaden nach und begibt sich auch auf neue Wege. Immer wieder thematisiert sie, wie sich das Reisen durch die Digitalisierung verändert hat.

Den Kontakt zu seinen Liebsten zu halten, ist heute von fast überall aus möglich. Die Zimmersuche gestaltet sich leicht – vorausgesetzt, es gibt Wlan-Empfang. Und auch Bewertungsplattformen haben Einfluss darauf, welche Ziele Reisende ansteuern und welche nicht. Ganz zu schweigen von der praktischen Wetter-App, die bei der Tagesplanung helfen kann.

Beide Formen, das digitale Reisen von heute und das analoge in den 80er-Jahren, verquickt Müller auf unterhaltsame Weise und springt in einzelnen Kapiteln zwischen Erinnerung und aktuellem Erleben hin und her.

Spuren des Wandels

Das sorgt für Abwechslung, aber auch schon mal für melancholische Momente. Beispielsweise, als Müller nach Jahren in den Nationalpark von Cahuita (Costa Rica) zurückkehrt und feststellen muss, wie sehr der klimatische Wandel die Landschaft hier in dreieinhalb Jahrzehnten verändert hat. Gerade diese Gegenüberstellungen aber sind das Salz, das Müllers Buch zu einem wahren Lesevergnügen macht.

Dass der Perspektivwechsel auf Reisen hilft, Zusammenhänge und andere Kulturen besser zu verstehen, ist das eine. Eine andere Botschaft des Buches aber ist diese: Als Ü50-Frau auf Backpack-Tour zu gehen, hält jung, steigert die Leistungsfähigkeit des Gehirns und fördert die Selbstsicherheit. Die Komfortzone zu verlassen lohnt sich also auf jeden Fall.

Fazit

Ich für meinen Teil habe Südamerika nach der Lektüre schon jetzt weit oben auf meine Reiseliste gesetzt. Lesen ist zwar wie Urlaub im Kopf, das reale Erkunden neuer Länder ist mir dazu aber eine willkommene Abwechslung. Meine Reiselust hat die Autorin auf jeden Fall geweckt. Das Buch „Comeback mit Backpack“ von Gitti Müller kann ich euch daher nur wärmstens empfehlen!

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