Berufswechsel: So ist mir der Quereinstieg gelungen

Vor zweieinhalb Jahren entschied ich mich dafür, ein Volontariat in einem Fachverlag zu absolvieren. Ein ungewöhnlicher Schritt im Alter von 38 Jahren. Was mich zu dieser Entscheidung bewog und warum ich sie keine Sekunde bereue, erfahrt ihr in meinem heutigen Artikel.

Volontärinnen und Volontäre sind jung, meist kommen sie direkt aus dem Studium. Idealerweise haben sie nebenher schon die ein oder andere Erfahrung gemacht, die ihnen im späteren Berufsleben nützen wird. Aber machen wir uns nichts vor: Ein Volontariat – ganz gleich, ob in der Agentur oder einem Verlag – ist eine Ausbildung. Entsprechend wird es auch vergütet.

Der Traum zerplatzt

Als ich vor inzwischen siebeneinhalb Jahren entschied, meinen damaligen Beruf nicht länger auszuüben, hatte ich keine Idee, wo ich einmal landen würde. Fest stand für mich nur eines: So ging es nicht weiter. Das Leben am Theater, wo ich zunächst assistierte und später inszenierte, würde mich nicht dauerhaft zufriedenstellen.

Lieber wollte ich frühzeitig die Reißleine ziehen, als noch länger zu warten.

Zehn Jahre lang hatte ich meine Karriere im künstlerischen Bereich vorangetrieben. Ein dicker Ordner mit Zeitungskritiken zeugt davon, dass meine Arbeit wohl nicht die schlechteste war. Dennoch litt ich unter den Arbeitsbedingungen und wollte mich neu ausrichten.

Und da stand ich nun. Mit einem gebrochenen Herzen, verkümmerten Idealen und einer Lebens- sowie Berufserfahrung, die auf dem Arbeitsmarkt keinen großen Wert besaß.

Was ich mitbrachte, mir aber wenig nützte

Regieassistenten sind oft gnadenlos gute Organisatoren. Sie sind die kommunikative Schaltzentrale einer Theaterproduktion, coachen Schauspieler und Regisseure, spielen den Puffer, wenn es stressig wird. Regie bedeutet, Konzepte zu entwerfen, Teams zu führen und den Spagat zwischen dem (eigenen und fremden) künstlerischen Anspruch sowie dem auf Unterhaltung des Publikums zu schaffen.

Der Beruf erfordert ein hohes Maß an Flexibilität, an Textverständnis und Belastbarkeit. Sofern du in der freien Szene unterwegs bist, mutierst du fast automatisch zum PR- und Marketing-Profi. All das hast du im Kopf, aber nicht auf dem Papier. Für mich stand daher fest, dass es nicht einfach werden würde, in einer anderen Branche Fuß zu fassen.

Zunächst machte ich ein paar zaghafte Schritte in Richtung Kulturmanagement. Schließlich aber landete ich mehr und mehr im Bereich Social Media und beim Schreiben. Ich jobbte, um meine Miete bezahlen zu können, und schaffte mir nebenher – unter anderem als freie Mitarbeiterin bei einer Tageszeitung – das nötige Wissen drauf. Ich wollte vom Schreiben leben, das hatte ich inzwischen herausgefunden.

Zähe Jobsuche

Fünf Jahre, nachdem ich meinen Entschluss gefasst hatte, hatte ich nicht nur einen Haufen Referenzen in der Hand, die mein Wirken als Autorin belegten, sondern auch einen Abschluss als Fachwirtin Online Marketing BVDW, eine geförderte Maßnahme des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft. Acht Monate hatte ich für die Zusatzqualifikation geackert.

Nun müsste es doch eigentlich klappen, einen Fuß in die Tür zu bekommen, dachte ich. Aber Pustekuchen. Zwar wurde ich diverse Male zu Gesprächen eingeladen, sie alle aber liefen ähnlich ernüchternd ab. Die Rückmeldungen aus (Online-) Redaktionen und Agenturen schwankten zwischen „Sie sind überqualifiziert“ und „Sie haben ja gar kein Volontariat gemacht/gar keine Berufserfahrung in diesem Bereich“. Ja, ach.

Meine Führungserfahrung kleiner Teams am Theater wurde mir ebenso als Problem ausgelegt wie meine jahrelange Selbständigkeit und das Unverständnis darüber, dass „jemand wie ich“ nun plötzlich den Wunsch hatte, in eine Festanstellung zu geraten: „Ja, wird Ihnen denn da nichts fehlen?!“ Oder: „Ja, können Sie sich denn in ein Team einfügen?“

Von Absagen und O-Tönen

Jede dieser Fragen konnte ich mit Klarheit beantworten, denn ich wusste genau, was ich wollte. Und ich war bereit, um dieses Ziel zu erreichen, auch eine Weile zurückzustecken und mich zurückzunehmen. Allerdings merkte ich an der Körperhaltung meines Gegenübers, dass ihm oder ihr meine Weltsicht häufig nicht geheuer war.

Aus „Wir suchen kreative Persönlichkeiten, die etwas vom Storytelling verstehen“ wurde in der – wie ich finde mit Abstand kreativsten – Absage ein O-Ton wie dieser: „Wenn Sie unsere Arbeitsbedingungen kennen würden, würden Sie hier ohnehin nicht arbeiten wollen.“

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich habe großes Verständnis für die Bedenken der jeweiligen potenziellen Arbeitgeber. Auch sie haben ihre Erfahrungen im Rücken und wollen selbstverständlich die beste Lösung für ihr Unternehmen. Allerdings war ich langsam am Verzweifeln.

Für meinen Lebensunterhalt hatte ich seit dem Studium immer selbst gesorgt. So langsam gingen mir neben den Ideen allerdings auch die Rücklagen aus. Also atmete ich tief aus und ein – und machte einen Schritt zurück. Man könnte auch sagen, ich nahm kräftig Anlauf. Dafür aber brauchte es einen langen Atem.

Meine Idee mit dem Volontariat

Ich beschloss, mir die Qualifikation zu holen, die so offensichtlich in den Augen vieler Redakteure unbedingte Voraussetzung für eine Mitarbeit zu sein schien: das Volontariat. Meines Erachtens hatte dies Vorteile für alle Beteiligten:

  • Der Arbeitgeber erhält eine fähige Arbeitskraft für wenig Geld.
  • Er profitiert von meiner vorherigen Berufserfahrung und meinem Vorwissen, da ich vieles schon mitbringe, das sich andere erst erarbeiten müssen.
  • Ich bekomme zwei Jahre Berufserfahrung in einer Festanstellung und die heiß begehrte Volo-Bescheinigung.
  • Außerdem bietet sich mir die Chance, Neues zu lernen und neue Kontakte zu knüpfen.
Nun musste ich nur noch einen potenziellen Arbeitgeber davon überzeugen, dass ich es auch wirklich ernst meinte.

Ehrlich währt am längsten

Ich setzte ein Motivationsschreiben auf, in dem ich offen und ehrlich mein Anliegen, meine Ziele und meine bisherigen Erfahrungen zusammenfasste. Ich wollte deutlich machen, dass ich die Vorbehalte verstand und in der Zusammenarbeit eine Win-Win-Situation sah.

Mehrere Versuche liefen ins Leere, was selbst in normalen Bewerbungsphasen nichts Ungewöhnliches ist. Eines Tages aber klingelte das Telefon und die Personalverantwortliche des Inger Verlags in Osnabrück war in der Leitung.

Womit sich unser Verlag beschäftigt, darüber habe ich im vergangenen Jahr an dieser Stelle gebloggt.

Die Personalerin machte ihr Interesse deutlich, formulierte aber auch noch ein paar Fragen, um mir auf den Zahn zu fühlen. Am Ende des Telefonates besprachen wir, dass wir uns kennenlernen sollten. Das Vorstellungsgespräch habe ich in ausgesprochen angenehmer Erinnerung. So transparent, wie ich das Telefonat empfunden hatte, setzte sich unser Austausch fort.

Es kamen dieselben Fragen zur Sprache wie in vorherigen Gesprächen bei anderen Firmen, aber die Körperhaltung war eine vollkommen andere. Statt auf Skepsis traf ich auf Neugierde. Mein Wissenshunger und meine vielfältigen Interessen wurden nicht als Schwierigkeit, sondern als Mehrwert interpretiert. Nach einer Woche Probearbeit, die wir vereinbarten, war ich schließlich im Boot.

Endlich am Ziel

Ich will es kurz machen: Mein 2-jähriges Volontariat ging im Februar dieses Jahres zu Ende. Für meine Ausdauer wurde ich schließlich belohnt. Seit dem 1. März bin ich als ausgebildete Redakteurin projektverantwortlich für eine eigene Zeitschrift, die Filialmanagement. Es macht mir tierisch Spaß, mich in der spannenden Lebensmittelbranche zu tummeln.

Ich schreibe über Führungsthemen und Mitarbeitermotivation, über Konzepte und Arbeitsprozesse in der Bäckerwelt, über Social Media, Warenkunde oder Foodtrends, über Gastronomie und Kaffee, Psychologie und Marketing. Das alles serviveorientiert und praxisnah im B2B-Bereich.

Das Aufgabenfeld ist ausgesprochen vielfältig. Außerdem bin ich für die Planung und Organisation des Filialmanagementtages verantwortlich, der am 16. Oktober 2018 in Münster stattfindet.

Was mir geholfen hat, die zwei Jahre gut für mich zu nutzen und trotz mancher Widrigkeit durchzuhalten:

1. Ein klares Ziel vor Augen

Dadurch, dass ich mir über mein Ziel bewusst war, konnte ich über manch eine hämische oder auch nur verwunderte Bemerkung hinwegsehen. Klar ist es ungewöhnlich, mit Ende 30 noch einmal eine Ausbildung zu machen. So what!? Wer sich darüber erheben möchte, sagt mehr über sich selbst aus als über mich.

2. Demut und Dankbarkeit

Der Vorteil ist, dass du mit einem großen Erfahrungsschatz an so eine Sache herangehst und daher stressige oder belastende Situationen mental anders bewertest, als du es vielleicht mit Mitte 20 getan hättest. Bei mir überwiegen Demut und Dankbarkeit darüber, dass meine Fähigkeiten gesehen wurden und ich diese Chance bekam.

3. Hobbys und Nebentätigkeiten

Wenn es mich dann doch mal unterforderte, bestimmte Routinetätigkeiten durchzuführen, die zu jedem Job, insbesondere aber zu einer Ausbildung gehören, lebte ich mich in meiner Freizeit aus, pflegte mein Netzwerk (Barcamps, olé!) und ging verschiedenen Hobbys nach.

4. Freunde und Familie

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt von allen: die vielen Unterstützer! Davon hatte ich reichlich und ich nutze die Gelegenheit, mich an dieser Stelle für den Zuspruch, die Ratschläge, das Rückenstärken und den Austausch zu bedanken. Ihr seid die Besten!

Unentdecktes Potenzial: ein ungehobener Schatz

Ich persönlich würde es begrüßen, wenn sich mehr Arbeitgeber öffneten und bunten Lebensläufen eine ehrliche Chance böten.

Ich glaube, in vielen vermeintlichen Brüchen in der Vita steckt großes Potenzial, das längst nicht ausgeschöpft ist.

Falls da draußen jemand ist, der sich – so wie ich vor zweieinhalb Jahren – wünscht, endlich einen Fuß in die Tür zu bekommen, dem sei ein Blick auf unsere Stellenangebote empfohlen. Der Inger Verlag sucht nämlich Verstärkung und würde sich über weitere spannende, ungewöhnliche und kreative Quereinsteiger wie mich freuen.

Hier geht es zu den Stellenausschreibungen!

„Es gibt nicht nur einen Weg, um im Leben glücklich zu werden“, sagte mir eine Freundin jüngst, die in einer ganz ähnlichen Situation steckte und in den vergangenen drei Jahren ebenfalls mit Erfolg eine berufliche Kehrtwende hingelegt hat. Oder, um es mit meinen eigenen Worten zu sagen:

Pläne sind dazu da, sie im richtigen Augenblick über Bord zu werfen!

Worauf wartest du also?

 

 

 

 

Beitragsbild: geralt / Pixabay.com 2018

2 Comments

  1. Vielen Dank für diesen Text, denn er spricht mir stellenweise so aus dem Herzen!

    „Und da stand ich nun. Mit einem gebrochenen Herzen, verkümmerten Idealen und einer Lebens- sowie Berufserfahrung, die auf dem Arbeitsmarkt keinen großen Wert besaß.“

    Genau diese Situation erlebte ich auch, nachdem ich mit dem Theater aufgehört hatte. Ich bewundere Ihren Mut und Ihr Durchhaltevermögen.
    Vielen Dank für diesen Text!

    LG Iris

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